Von Herbert Stelz

Meine Tochter bekam Chlorakne“, berichtet Anneliese F. aus dem Rheinland-Pfälzischen. „Ich dachte, sie stirbt, sie löst sich bei lebendigem Leibe auf. Man hat uns“, so ihr resigniertes Fazit, „praktisch dreißig Jahre unseres Lebens genommen, in denen wir hätten glücklich sein können.“

Auch sie selbst und ihr Sohn litten unter Reizerscheinungen an Haut und Schleimhäuten. Der Verdacht: „Das kommt vom Haus.“ Sie hatten den Dachstuhl ihrer Villa mit Holzschutzmittel Xylamon BN-Braun imprägnieren lassen, weil er vom Hausbock befallen war. Mehrfach wandten sie sich an die Herstellerfirma Desowag Chemie GmbH in Düsseldorf. Die entsandte den leitenden Mitarbeiter und Diplomchemiker Kurt Steinberg zur Besichtigung. Schriftlich hielt er fest, daß die Tochter „Reizungen der Schleimhäute und Anschwellungen der Nase, Kopfschmerzen und sogar Haarausfall“ festgestellt hätte.

Das war im Juni 1959. Zehn Jahre später spricht das Oberlandesgericht Koblenz Recht: Die Firma Desowag habe „die Gesundheit der Kläger ... rechtswidrig und fahrlässig verletzt, sie schuldet ihnen daher Ersatz des daraus entstandenen Schadens“. Seit über 33 Jahren weiß Kurt Steinberg also von den Gesundheitsschäden nach Verwendung der Holzschutzmittel, seit über 23 Jahren ist seine Firma rechtskräftig verurteilt, weil sie „gegen ... objektive Sorgfaltspflichten verstoßen“ hat.

Seit neun Monaten sitzt nun Steinberg persönlich auf der Anklagebank, diesmal vor der 26. Großen Strafkammer des Frankfurter Landgerichts. Angeklagt ist Steinberg, der 1972 zum technischen Geschäftsführer des damals als „Desowag-Bayer-Holzschutz GmbH“ firmierenden Betriebes aufstieg, der vorsätzlichen und fahrlässigen Körperverletzung und der Freisetzung von Giften. Unter dem gleichen Vorwurf steht auch sein Kollege Fritz Hagedorn, bis heute kaufmännischer Geschäftsführer.

Seit Juni vergangenen Jahres wird verhandelt. Dutzende von Gutachtern, Sachverständigen und Zeugen wurden in dem bisher größten und spektakulärsten Umweltprozeß der Republik gehört; zwölf betroffene Familien schilderten ihre Leiden: Entzündungen vielfältiger Art, Allergien, Konzentrationsschwäche, Schwindel, Vergeßlichkeit, Kreislaufstörungen, Lähmungserscheinungen, Luftnot, Ekzeme, Angst, Depressionen. Die komplette Liste der Schädigungen ist noch viel länger. Doch schon am ersten Verhandlungstag verführte die Aufzählung den Steinberg-Verteidiger Professor Rainer Hamm zur Polemik: „Von Aggressivität bis Zittern alle Wehwehchen.“

„Holzschutz“ ist ein Euphemismus wie „Pflanzenschutz“: Schutz entsteht durch Vernichtung von Schädlingen, und das geht nur mit Gift. Darum enthielten die „schützenden“ Mittel die Gifte Pentachlorphenol (PCP) und Lindan (Gamma-HCH), mit denen Schädlingen wie dem Holzbock zu Leibe gerückt wurde. Herstellung und Verwendung von PCP sind wegen der extremen Giftigkeit seit 1989 in der Bundesrepublik verboten. Doch die Fachleute konnten sich im Prozeß trotzdem nicht einigen, ob die Erkrankungen tatsächlich durch Holzschutzmittel erzeugt wurden.