Von Thomas Schmid

Die Revolte von 1968 war kaum vorbei, da begann auch schon der Streit darüber, ob sie erfolgreich gewesen oder gescheitert sei. Es überwogen, im grämlichen Deutschland, die zweifelnden Stimmen. Rechts hatte man das Ganze für einen bedauerlichen Betriebsunfall gehalten, der hoffentlich keine bleibenden Spuren hinterlassen würde. Links aber war man sich schnell sicher, daß alle Ziele verfehlt worden seien. Nicht die Spur eines Umsturzes, kein revolutionäres Begehren der arbeitenden Massen, dafür Tag für Tag weiterhin Bild am Kiosk und wenig markante Veränderungen an Schulen und Universitäten. Die Revolte schien nicht mehr als ein kurzer Aufschrei, als ein kurzer Moment naiven Glücks gewesen zu sein. Ein bißchen Aufbruchstimmung und Chaos im „Überbau“ – doch kein Wandel der „Strukturen“.

Es fällt nicht schwer, diesem Pessimismus entgegenzutreten. Jeder beliebige Gang auf eine bundesdeutsche Behörde beweist nachdrücklich, wie sehr sich dies Land in den letzten 25 Jahren verändert hat. Der Autoritarismus hat, von der Schule bis hin zu den Kasernen, fast überall den Rückzug antreten müssen. Aus Untertanen sind Bürger und aus ideologischen Parteigängern sind Wechselwähler geworden. Das hat die Republik ziemlich unübersichtlich und unberechenbar gemacht (und längst mehren sich ja auch die Stimmen derer, denen diese demokratische Unordnung zu weit geht). All diese Entwicklungen lassen sich als Prozesse der Liberalisierung beschreiben, und es besteht kein Zweifel, daß die Revolte von 1968 ein wesentliches Ferment dieses Umschwungs darstellte.

Als die bundesrepublikanische Demokratie begründet wurde, war sie als „Apparatur“ (Karl Jaspers) gedacht gewesen: Adenauer und die Seinen sahen in Dissens und Widerspruch nicht eben den demokratischen Normalfall. Zu dem kam es dann aber im Laufe der Zeit, und es waren nicht zuletzt wir 68er, die dazu beitrugen. Die Demokratie bestand ihre ersten (und, wie wir heute wissen, noch sehr bescheidenen) Belastungsproben und gewann dadurch an Stabilität. Das hatte, was den Beitrag der 68er anging, durchaus etwas Paradoxes. Denn diese redeten zwar ohne Unterlaß von mehr Demokratie; nicht wenige von ihnen gingen aber davon aus, daß die „bürgerliche“, also die repräsentative, den Inhalten gegenüber neutrale Demokratie bestenfalls defizitär sei und durch die direkte Demokratie der Massen und der Räte zu ersetzen sei. Es waren, wenn man will, die Gegner des westlichen Modells der Demokratie, die auf dem Wege der Inanspruchnahme eben dieser westlichen Demokratie erstmals in Deutschland zum Durchbruch verhalfen.

Dieses Paradox der unwillentlichen Verwestlichung ist vielleicht eines der wesentlichsten Merkmale der Revolte von 1968: Sie hat letztlich viel von dem gestärkt, was sie bekämpfte. Es wäre uns damals im Traum nicht eingefallen, in der Westbindung der Bundesrepublik einen Segen zu sehen. Wir sahen diesen Staat an eine rücksichtslos imperialistische Macht gebunden, sahen – ohne die sozialistischen Länder zu verklären – in den USA das Haupthindernis auf dem Wege zu Frieden und Befreiung. Der Westen galt uns als kapitalistisch verkommen, als eine Glamour-Welt kurz vor ihrer revolutionären Explosion. Und wieder das Paradox: Politisch in diesem Sinn radikale Gegner des Westens, waren wir kulturell – und davon sollte die größere Wirkung ausgehen – dessen Vollstrecker. In gewisser Hinsicht selbst antiamerikanisch, waren zugleich doch wir es gewesen, die den kulturellen Stilen Amerikas, der Ironie, dem Großstädtischen, dem Libertären und sogar der Toleranz zum Durchbruch verhalfen. Entschiedene Gegner Karl Poppers und seines Buches „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, haben wir doch zum ersten Erfolg der offenen Gesellschaft in Deutschland beigetragen.

Die Revolte von 1968 hat nicht unwesentlich zur Modernisierung der Gesellschaft beigetragen. Sie hat das Wertegefüge verschoben und mit der Durchsetzung einer neuen Partei, den Grünen, diesen Wandel auch auf politischer Ebene verankert. Ohne je an die Macht gekommen zu sein, hat sie die Republik folgenreicher verändert als jene vielen, die nie etwas anderes im Sinn hatten als den BAT-gesäumten Gang durch die Institutionen.

Doch auch dieser Erfolg ist überaus paradox. In keiner der grundsätzlichen Richtungsentscheidungen der Bundesrepublik ist das zum Ausdruck gekommen, was man 1968 politisch gewollt hat. Die Fundamente dieser Republik wurden lange vor 1968 gelegt, und in allen wesentlichen Punkten folgte man – gottlob – nicht den Vorschlägen der Linken. Hätte die Linke sich durchgesetzt, wäre es weder zur Westorientierung und -bindung noch zur sozialen Marktwirtschaft, sondern in beiden Fällen zu bestenfalls erfolglosen Zwischenformen und Zwischenwegen gekommen. In der Revolte von 1968 wurde die eine der beiden Grundsatzentscheidungen, die für die soziale Marktwirtschaft, vehement und die andere, die für die Westbindung, etwas weniger vehement kritisiert: So gesehen, war 1968 auch eine Revolte gegen die Erfolgssubstanz der Bundesrepublik Deutschland – eine Revolte, deren machtpolitisches Scheitern ihren Akteuren übrigens ganz gut zupaß kam (was sie, wie ich vermute, damals schon zumindest ahnten). Kurz: Während 1968 im Bereich der „weichen“ Themen auf der ganzen Linie siegreich war, gehen die Entscheidungen im Bereich der „harten“ Themen auf das Konto der Gegenseite. Pointiert gesagt: die Rechte für die Gestaltung, die 68er für die Ausgestaltung.