Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau

Sonnabend, 20. März, 10.30 Uhr Strahlender Himmel, Frühlingsanfang in Moskau. Doch im Parlamentarischen Zentrum am Blumen-Boulevard Nr. 2 wird eine neue Eiszeit angesagt. Trotz aller Schwüre Ruslan Chasbulatows und seiner Abgeordneten, nichts als die reine Verfassungstreue im Sinn zu haben, tagt in ihrem Organisationszentrum eine illegale Verschwörerrunde. Für die "Offiziersversammlung des Moskauer Militärbezirks", die mehr als die Hälfte der russischen Offiziere hinter sich haben will, spricht ihr Vorsitzender Wjatscheslaw Terechow. Klein, schlank, mit dunkel getönter Brille, gibt er schneidend die politische Order aus:

Jelzin hat keine Legitimation, weil er das Vaterland zugrunde richtet. Die Armee darf nicht länger außerhalb der Politik stehen. Chasbulatow ist der Verteidiger der Verfassung, Verteidigungsminister Gratschow ein Verräter. Aus dem Westen droht eine neue Aggression: "Zuerst rauben sie unsere Ressourcen, dann folgt der militärische Angriff."

Riesenbeifall im Saal, vor allem schmallippige Frauen, die an Polikommissarinnen der alten Schule erinnern, applaudieren frenetisch. Unter den Gästen: ältere Offiziere in Uniform, der "Führer" der Nationalisten, Wladimir Schirinowskij, der Pinochet-Verehrer und Ex-KGB-General Alexander Sterligow.

14 Uhr. Mittagessen mit einem der engsten Berater Jelzins. Er nimmt nur einen Bissen vom überfüllten Teller, will uns gelassen und beredt Zuversicht auftischen. "Meine Person tut hier nichts zur Sache, schreiben Sie: ein höherer Berater von kleinem Wuchs." Der Ausnahmezustand, sagt er, wäre die eine Option. "Ich kann sie nicht akzeptieren: undemokratisch, undurchsetzbar und unvorhersehbar, was die Opfer an Menschenleben beträfe. Die zweite Option: Jelzins Rückzug von der aktiven Politik. Hyperinflation und wirtschaftlicher Zusammenbruch würden den Kongreß zwingen, ihn zurückzuholen. Aber solche Taktik entspricht nicht Jelzins Naturell." So liefe alles auf die dritte Option hinaus: eine Volksumfrage als ersten Schritt, dann Referendum und Neuwahlen.

Sieben Stunden später erfahren wir aus Jelzins Botschaft an die Nation, daß er diesem Rat weitgehend gefolgt ist.