Zwei Stippvisiten in Goethe-Instituten, zweimal ein ähnliches Echo: „Das sind doch peanuts, was bei Ihnen in Bonn geschieht, gemessen an den Affären unserer Politiker.“ Von der Subventions- bis zur Putzfrauenaffäre, täglich sind die Bonner dabei, neue Flammen auszutreten. Aber zwischen Athen und Palermo besteht über diese Einschätzung in vergleichender Perspektive kein Unterschied. Euch geht’s noch gold, sagen sie.

Im eigenen Laden, kommentiert ein Athener Soziologe, gehe nun einmal nichts mehr ohne Schmiergeld. Außerdem regierten die Parteien in alles hinein, und wenn nicht sie, dann die Kirche. Er betrachte sich als Landesmeister in Sachen Rücktritt, erzählt ein freier Autor mit großem Namen in Griechenland. Er sei nämlich jedesmal zurückgetreten, wenn eine Partei versucht habe, die Auswahl seiner Gäste für eine Fernseh-Talk-Show festzulegen oder ihm das Thema aufzuzwingen. Von einem Rücktrittslandesmeister dieser Art hat man in Bonn noch nichts gehört.

Daß ausgerechnet in Deutschland Institutionen versagen und die politische Moral zur Debatte steht, hätte man nicht gedacht. Mehr Fragen gelten den Anschlägen auf Ausländer, aber das wirkliche Interesse geht in andere Richtung: Was treibt Bonn, Mazedonien (Skopje) anerkennen zu wollen, und wieso haben die Deutschen so früh auf die Anerkennung Kroatiens gedrängt? In der Frage sitzen „die Deutschen“ und „der Westen“ auf der Anklagebank.

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In Italien interessierte zwar auch, weshalb die Republikaner erstarken und die Brandanschläge auf Flüchtlinge nicht abreißen. Im Mittelpunkt aber stand die Wirtschaftsmacht Deutschland. Wird Europa bald von Deutschland dominiert, überschattet oder erdrückt? Nach den Politikeraffären und der Parteienmoral hat in der Stadt, in der die Mafia fast alles beherrscht, keiner groß gefragt.

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Zurück in Bonn: Das Auswärtige Amt spart, auch bei seinen Goethe-Instituten natürlich. Obendrein wächst wieder die Neigung, die Institute im Namen Goethes als PR-Agenturen mißzuverstehen, um das Bild zu polieren. Bibliotheken werden geschlossen, ein Teil der Gelder wird umgelenkt nach Osteuropa. Die am Rande Europas, in Athen wie in Sizilien, fürchten, sie würden vergessen. Und es ist ja was dran: Die Deutschen sind mit sich selbst beschäftigt und blicken zu sehr auf sich. Aber vielleicht geht es nur uns so, im Bonner Hamsterrad. Gunter Hofmann