Von Freimut Duve

Tuzla

Sie organisieren das Leben und erwarten den Tod. Sie mußten die Produktion der Fabriken einstellen und haben sie jetzt schon wieder auf fünfzehn bis zwanzig Prozent hochgefahren. Ihnen ist die Normalität im Absurden gelungen: Trotz Stromsperren funktioniert das Kraftwerk halbwegs und versorgt die Region. Wasser ist (fast) immer in der Leitung. Die Stadt braucht jeden Monat 25 000 Tonnen Nahrungslieferungen von außen. Die farbigen Lebensmittelmarken sind graphisch schön gestaltet. Wer sich an der Mindestversorgung bereichern will, wird erwischt, aber nicht von der Polizei, sondern von den jungen Computerfachleuten im „logistischen Zentrum“. Aber es gibt keine öffentliche Anklage. Das Kontrollsystem gilt für Grundnahrungsmittel, Medikamente und Saatgut.

Die elektronische Gerechtigkeitskultur im Krieg konnte nur entstehen, weil es vor dem Krieg eine urbane Kultur gab. Die Stadtverwaltung – demokratisch gewählte Fachleute, Professoren, Ingenieure, Manager – hat die Herausforderung angenommen. Sie organisiert die Verteilung der Hilfsgüter in der Industriestadt Tuzla. Eine Mafiawirtschaft konnte nicht entstehen. „Sehen Sie die orthodoxe Kirche und das Gemeindehaus? Keine Fensterscheibe ist beschädigt, aber die Popen sind fort, gleich im Mai abgehauen. Wir wissen, daß einige bei den Tschetniks sind.“ Mein Begleiter, ein junger Kaufmann muslimischer Herkunft aus Tuzla, zeigt nicht ohne Stolz auf die große Zentralkirche der Serben in seiner Stadt.

Tuzla hatte bis zum Ausbruch des Krieges 120 000 Einwohner, die meisten von ihnen Bosnier mit muslimischen Namen. Jetzt leben weitere 60 000 Vertriebene in der Stadt. Sie wurden von den Tschetniks mißhandelt und aus den Schreckensdörfern der Region verjagt.

Und noch immer sind etwa 10 000 Serben in Tuzla geblieben, Bosnier, deren Eltern in die orthodoxe Kirche gingen. Die Flüchtlinge sind meist in Schulen und dem Hochschulgebäude der Stadt untergebracht. Warum nicht auch in dem großen, jetzt leerstehenden orthodoxen Gemeindehaus? Einhellige Abwehr: „Wie sähe denn das aus, wenn wir die Vertriebenen dorthin brächten? Nein wir respektieren die Kirche der Serben, sie darf nicht belegt werden, auch wenn deren Popen jetzt bei den Tschetniks sind.“

Auf dieser Reise in das eingeschlossene Tuzla, wo in den Morgenstunden der Artilleriebeschuß zu hören ist, wo die Schwerstverwundeten aus dem vernichteten Cerska liegen, bin ich keinem Religionskampf, keinem Gruppenhaß begegnet. Der stellvertretende Bürgermeister ist ein Kroate, einige der Stadtverordneten sind Serben. Sie alle stehen zu ihrer Stadt.