Von Lilli Thurn und Taxis

Die orangefarbenen Lampen, gläserne Halbkugeln, die an feingeriffelte Saftpressen erinnern, blinken kurz auf, die Holztüren schließen, ruckartig setzt sich das Gefährt in Bewegung. Die Morgendämmerung vermag das neblige Grau nicht so recht zu durchdringen, das helle Orange der Lampen bleibt der einzige Farbfleck in der S-Bahn, die von Berlin gen Potsdam schaukelt – auch die montagmorgendlichen Fahrgäste sehen, einer wie der andere, grau aus. „Fährt die Bahn heute schon durch?“ erkundigt sich der eben zugestiegene Herr im Kunstledermantel. Beglückt stellt er, als er erfährt, daß er nicht mehr in Wannsee umsteigen muß, die Kunstledertasche neben sich auf die Sitzbank. Zwanzig Minuten später muß er sich jetzt erst auf den Weg zu seiner Arbeitsstätte machen, der neugegründeten Ostdeutschland-Zentrale einer Bausparkasse.

Endstation Potsdam Stadt: An den klassizistischen Bahnhof erinnert hier nichts mehr. Im Krieg zerstört, versank der Bahnhof 1960 in der Bedeutungslosigkeit, als ein neuer am anderen Ende der Stadt in Betrieb genommen wurde. Der Kaffee-Stand gleich neben dem Eingang erlebt regen Zulauf – halb Potsdam scheint auf die Bahn retour nach Berlin zu warten. Brandenburgs Hauptstadt profitiert von der neuen deutschen Hauptstadt nebenan: Nur etwa drei Prozent der 139102 Potsdamer sind nach Schätzungen arbeitslos – das ist für ostdeutsche Verhältnisse geradezu sensationell.

Die nagelneue, graugrüne Niederflur-Straßenbahn, die manche westdeutsche Gemeinde vor Neid erblassen ließe, bringt die Ankommenden über die Lange Brücke in die Stadt, zur Linken das Hotelhochhaus Potsdam auf dem ehemaligen Schloßplatz, zur Rechten die Blechkiste des provisorischen Hans-Otto-Theaters auf dem Alten Markt. Das Stadtschloß, der einstige Mittelpunkt Potsdams, mußte 1959 einer Straßenkreuzung weichen. Die historische Stadtstruktur war damit ohne Zentrum. Der Abriß der Garnisonskirche 1968 und der Heiliggeistkirche 1974, deren Türme das Stadtbild im Westen und im Osten erfaßten, vollendete die Zerstörung. Von der städtebaulichen Bedeutung dieses Ortes ist heute nichts mehr zu spüren. Nirgendwo in Potsdam hat die SED ärger gewütet. Weshalb Schinkels Nikolaikirche, das Rathaus und der Obelisk, der Mittelpunkt des alten Marktes, vor den Augen der DDR-Stadtplaner Gnade fanden, weiß kein Fremder. Wie verloren stehen die Monumente, einst Teil des genial angelegten Stadtzentrums, zwischen den Errungenschaften des sozialistischen Bauwesens.

Vor zwei Jahren hatte sich ein internationales Architektenseminar mit der Wiederherstellung des „Gesamtkunstwerks Potsdam“ befaßt. So unterschiedliche Richtungen die elf geladenen Planungsteams auch vertraten, einhellig plädierten sie dafür, auf dem Grundriß des alten Stadtschlosses etwas Neues zu errichten. Ebenso unstrittig war es, die beiden Kirchtürme in egal welcher Form als zeichenkräftige Figuren zu ersetzen. Auch der alte Stadtkanal, der das Zentrum weiträumig einfaßte, sollte neu ausgehoben werden. Womit keinesfalls gemeint war, Stadtschloß, Garnisonskirche und Heiliggeistkirche nach alten Vorbildern wiederaufzubauen, wie es viele Potsdam-Veteranen fordern.

Darüber ist man sich auch im Magistrat einig. Es geht vielmehr darum, die Stadt als räumliches Gebilde zu reparieren, sich der alten Baumassen wieder zu erinnern, ohne sie deshalb zu kopieren. Während in Potsdam – die Stadt zählt immerhin zum Weltkulturerbe der Unesco – tagtäglich alte, oft barocke Gebäude verfallen, erklären sich potente Ex-Potsdamer bereit, den Wiederaufbau des Stadtschlosses oder der Garnisonskirche zu finanzieren. Geld, das dem erhalten gebliebenen Potsdam so viel besser zugute kommen könnte.

Hier tut sich beispielhaft das Dilemma der Denkmalpflege auf. Potsdam, das ist immer Sanssouci, Neues Palais, Stadtschloß und Garnisonskirche. Daß die Stadt gerade wegen ihrer Ensembles von Bürgerhäusern vom Barock bis zum 19. Jahrhundert einzigartig ist, wird dabei allzuleicht vergessen. Wohl weil Denkmalpflege hierzulande immer zuerst alten imposanten Bauten zugute kommt. Noch vor einem Jahr wurden in der Altstadt von Lübeck, die wie Potsdam zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, Protesten zum Trotz gotische Bürgerhäuser abgerissen, um einem Einkaufszentrum Platz zu machen. So einschneidend die Zerstörungen des SED-Regimes waren, die dritte Zerstörung Potsdams hat schon begonnen.