Es ist 6 45 Uhr - viel zu früh am Morgen, um eine Prognose über den Verlauf des Tages zu machen. Dafür steht fest: Es ändert sich hier nichts. Im Park fließt die zweite Runde Wodka in die noch viel zuwenig betäubten Kehlen. Die Seitenstraße zum "PineStreet Shelter" im Bostoner South End füllt sich langsam mit müden, traurigen Kreaturen, die in ihren Tag gehen, egal wohin, meistens auf eine rastlose Wanderung durch eine Stadt, die zu beschäftigt ist mit sich selbst, um einen Blick auf die ausgestreckte Hand am Gehweg zu verlieren. Einige der Wanderer schieben ihren Einkaufswagen vor sich her, der sich im Laufe des Tages mit Dosen, Metallstücken und Plastikflaschen, Abfall oft im Wert von dreißig Dollar, füllen wird, einige ziehen in alteingesessenen Cliquen los, um irgendwo einen ruhigen Ort für den nächsten Schluck oder Schuß zu finden, einige wenige gehen zu Teilzeitjobs, einige machen sich auf eine Suche, deren Ziel sie selbst nicht kennen. Fast alle werden gegen vier Uhr wieder durch dieselbe Tür hineingehen, aus der sie jetzt herauskommen. Der Schritt über die Schwelle ist der Schritt in eine Geisterbahn, in dieser gelbverräucherten Höhle drängen sich die Gespenster: bleiche Gerippe, überzogen mit einer hundertfach gefalteten Lederhaut, rotgesichtige Alkoholiker, deren Gang bei jedem Schritt zu Fall und Kopfverletzung einlädt, bucklige Männlein in Gips und mit Krücken - Brüche, die teils von Stürzen und Autounfällen, oft auch von Polizeiknüppeln herrühren , "Psychs" jeder Problemrichtung, für die sich seit der Reagan Ära die Tore der Psychiatrien geschlossen haben, zitternde Häuflein, die sich, in eine Ecke gekauert, die hundertste von irgendwo erbettelte Zigarette anstecken. Alte mit leeren Augen, die die Resignation des endlosen Wartens widerspiegeln, und Junge, die so schnell von hit zu mehr ruhig verhalten kann.

Ich kenne noch nicht alle ihre Namen. Dreihundert Namen, von denen ohnehin die Hälfte erfunden ist. Die Frage "How are you?", die ich auf meinem kurzen Weg von der Tür durch die Eingangshalle zum Treppenhaus mindestens zwanzigmal stelle, klingt zynisch. Sie erwartet ja ohnehin keine andere Antwort als ein ebenfalls gemurmeltes "How are you?", was ich nur noch höre, wenn es schnell genug gesagt wird, weil ich schon drei Schritte weiter bin - ein Ritual, an das man sich beängstigend schnell gewöhnt.

Zynismus herrscht auch in der halbstündigen Sitzung, mit der jede Schicht beginnt und endet, ein liebenswerter Zynismus, der mehr als Selbstverteidigung gegen das permanent Böse zu verstehen ist. Mich erstaunt immer noch, wie verschieden die counselors, die Betreuer, sind. Das hat therapeutische Vorteile, weil nicht jeder in der Lage ist, jedem weiterzuhelfen. Auf die Frage "Warum arbeitest du hier?" (die man in der Regel nicht stellen sollte), bekommt man die unterschiedlichsten Antworten. Da ist mein ewig gestreßter Boß AI, der auch noch kurz vor dem Zusammenbruch die vier Schlüsselworte "Its a great Nichtweiße auf der shift ist); da ist Judy, die fast zu gut für diese Welt ist und sich so aufrichtig tiefe Gedanken macht, daß ich mich frage, ob sie die Windmühlenflügel nicht doch eines Tages besiegt; da sind Warren und Jaime, die als ehemalige Gäste des Hauses und Entzugsalkoholiker den beißendsten Humor haben und vielleicht noch am besten verstehen, was hier los ist; da ist Jerry, der pfeiferauchende Exlehrer, sympathisch, auch wenn er böse wird; und da ist Linda, die jeden "Honey" nennt und der selbst die hoffnungslosesten Fälle jeden Gefallen tun (was oft eine bessere Art ist, Probleme zu lösen, als den immer anwesenden police officer zu Hilfe zu rufen). Und so weiter. In diesem Land Sozialarbeiter zu sein setzt wohl noch eine außerordentlichere Außerordentlichkeit voraus, als in europäischen Ländern notwendig ist (die durchschnittliche Zeit in diesem Job unterschreitet drei Jahre).

Ich bin neunzehn und arbeite hier als Freiwilliger im Rahmen der Aktion SühnezeichenFriedensdienste. Die eigentliche Aufgabe sieht jeden Tag gleich aus. Der Großteil der Gäste (auf dieses Wort wird immer großen Wert gelegt) verläßt tagsüber das Shelter. In der Lobby bleiben diejenigen, die nicht mehr gehen oder stehen können oder Termine mit einem der counselors haben, zum Beispiel um über Entzugskuren, Jobentwicklung oder Wohnprogramme zu reden. Solche Hilfe geben (und erfolgreich geben zu können) ist der Traum und Motor, der die restliche Arbeit des Am Leben Erhaltens erträglich macht. Aufgrund der allgemeinen Finanzkrise wurde das Programm von Pine Street auf die drei Punkte Essen, Schlafen und Erste Hilfe Medizin plus Kleidung zusammengestrichen. Es scheint sinnvoll, mit der geringen Energie, die darüber hinaus zur Verfügung steht, nicht einer möglichst großen Masse von Leuten das Leben im Shelter angenehm zu machen, sondern gezielt Leuten zu helfen, ihr eigenes Leben zusammenzuraufen und wieder auf die Beine zu kommen.

Zu den Pflichten des Jobs gehört es, die verschiedensten Funktionen auszuüben: Mal ist man für eine Stunde Türsteher - ein wichtiger Posten, um Waffen und Alkohol aus dem Haus fernzuhalten (wobei es nicht immer angenehm ist, Hereinkommende zu untersuchen, wenn sich in den Taschen allerlei anderes befindet. Kürzlich hat sich eine Kollegin an blutigen Nadeln gestochen, die mit der Spritze in der Jackentasche eines Gastes steckten ), mal ist man Telephonbediener, um den regen Kontakt zur Außenwelt zu halten, mal in der Kleiderausgabe, mal Essenverteiler, mal Fahrer, der die Gäste zu den verschiedenen Entgiftungskuren und Krankenhäusern bringt, mal "Wärter" im Park, der - als sicherer Ruhepunkt für die Gäste - an das Haus angeschlossen ist. Die Besetzung dieser Stellen rotiert und ist unabhängig von den Personen. Das Entscheidende passiert zwischen den Zeilen: Gespräche.

Es ist 11 Uhr - die ersten Wodka Konsumenten im Park fallen auf den Bänken in ihren nicht zu störenden, sicher ungesunden und unangenehmen Schlaf; ich springe von Schnapsleiche zu Schnapsleiche, um zu verhindern, daß irgendwer von der Bank rutscht, schlichte hier einen Streit zwischen John (der gerade aus dem Gefängnis gekommen ist) und Bill, der ihm betrunken auf den Fuß getreten ist, der kernen Streit wollte, aber ein Alkoholiker ist (und Junkies hassen Alkoholiker, und Alkoholiker verachten Junkies), habe Glück, daß keiner von beiden sein Messer zückt (das beide haben), spiele dort mit Stan ein Spiel Rommee (als sei nichts gewesen), verstehe kein Wort von dem, was er sagt, weil er ein Geschwür in der linken Backe hat, das aussieht wie ein Tischtennisball, wenn er lacht (und er lacht fast immer), und ende schließlich neben Joe auf der Bank, der mir seine Geschichte erzählt und schniefend einen Packen Familienbilder herausholt, die größtenteils aus Modemagazinen ausgeschnitten sind. This is Crawford - Joe ist achtzig.

Lebensgeschichten sind hier aufschreibenswert. Es gibt niemanden, der hier nicht ist. Bankräuber, Bankiers, Hippies, Yuppies, Kriegsveteranen, illeden Veteranen die größten Alkoholiker), Schwarze, Weiße, Hispanics, Familienväter, ewige Wanderer, Collegestudenten und Schwachsinnige, Aids Kranke, ehemalige Sozialarbeiter und sogar ehemalige Polizisten.