ZEIT: In der Bundesrepublik gehört die Leukämie zu den seltenen Erkrankungen, auf 100 000 Einwohner vier bis fünf Fälle pro Jahr. Aber es gibt beunruhigende Häufungen in der Nähe von Kernkraftwerken und in anderen Regionen, sogenannte Cluster. Was ist das?

Michaelis: Cluster sind unerwartet große, örtlich und zeitlich begrenzte Häufungen bestimmter Erkrankungen, beispielsweise akuter lymphatischer Leukämie bei Kindern. Speziell für Leukämie sind Cluster ein weltweit bekanntes Phänomen. Englische Forscher haben darauf aufmerksam gemacht, daß diese Krankheit zu solchen Häufungen neigt...

ZEIT: Hat das möglicherweise mit einer infektiösen Ursache der Leukämie zu tun?

Michaelis: Als erster hat der Engländer Greaves diese Hypothese aufgestellt. Später hat Leo Kinlen den Zusammenhang zwischen kindlicher Leukämie und durch Bevölkerungswanderungen begünstigte Infektionen diskutiert. Das kindliche Immunsystem muß sich mit den verschiedensten Erregern auseinandersetzen. Dabei kann es überschießend reagieren und der Leukämie eventuell Vorschub leisten.

ZEIT: Wenn die Leukämie tatsächlich durch eine infektiöse Ursache entsteht, könnte dann auch die Hygiene eine Rolle spielen?

Michaelis: Es gibt schwache Hinweise, daß in den Vereinigten Staaten Leukämien bei schwarzen Kindern, die unter dürftigen hygienischen Umständen leben, seltener auftreten als bei weißen Kindern. Ob overprotection, ein übertriebener Schutz vor Infektionen, eine Rolle spielen könnte, weil das Immunsystem zuwenig trainiert ist, wird diskutiert. In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß Leukämiecluster manchmal auch dort auftreten, wo ein Kernkraftwerk erst gebaut wird. Wo viele Menschen zusammenkommen, ändern sich auch die Infektionsrisiken.

ZEIT: Gibt es auch noch andere Ursachen für die Leukämie?