Von Christian Ankowitsch

Viele Freunde hatten die beiden nie. Und mit jeder Attacke, die der Architekt Wolf D. Prix da am langen Konferenztisch seines Wiener Altbau-Ateliers vorträgt, könnte es wieder einer weniger sein. "Hier hat man doch schreckliche Angst vor zeitgenössischer Architektur", zielt er auf die Stadt Wien: "Daher verlangt man hier auch vorauseilenden Gehorsam. Und jeder hält sich brav dran."

Nachdem der schlanke, ganz in Schwarz gekleidete Herr ein paarmal aufgeregt die Arme von sich geworfen hat, sind die Berufskollegen an der Reihe: "Die meisten Architekten beschädigen doch die Architektur, wenn sie immer nur an Funktionen, an Bauherrenwünsche und an Sachzwänge denken." Und schließlich kriegt der Besucher auch noch etwas ab. "Wie soll ich das verstehen?" lautet die harsche Antwort auf einen fragenden Halbsatz, der ihm nicht ins Konzept paßt.

So hält der Besucher erst einmal den Mund. Er würde ihn den ganzen Nachmittag über halten, wäre da nicht der freundliche, schnurrbärtige Herr namens Helmut Swiczinsky. Zusammen bilden die beiden seit einem Vierteljahrhundert das Architektenduo "Coop Himmelblau", das, wie so viele österreichische Hervorbringungen, in der Heimat ums Überleben kämpfen muß, während die internationale Anerkennung überwältigend ist.

Geduldig sitzt Swiczinsky, Coops zweite Hälfte, also am Tisch, raucht eine Zigarette nach der anderen und wartet, bis sich die Gelegenheit für eine gediegene Antwort findet. "Wir wollen das Bauen von den alten Strukturen befreien", ordnet er schließlich die Schlagwörter seines Alter ego. Es gehe um nichts Geringeres, als "den Raum an sich zu schaffen" – als Gefühl, als Licht, als Bewegung, in voller Komplexität. Als "offene Architektur" eben, wie der von ihnen geprägte Begriff laute.

Die Projekte und Aktionen, die Coop Himmelblau seit 1968 inszeniert, sind genau von derselben unberechenbaren Mischung wie die beiden Protagonisten selber. Der "harte Raum" von 1970 etwa schrie seine Botschaft in den Steinbrüchen von Wien-Schwechat hinaus: Dort brachten die beiden Architekten sechzig Sprengsätze zur Detonation, um einen flüchtigen "Staubraum" entstehen zu lassen. Ahnlich Spektakuläres sahen sie für einen Bauplatz direkt gegenüber der Kapuzinergruft in der Wiener Innenstadt vor: Ihr Wohnhaus namens Hot flat durchbohrten sie mit einem Rohr in Pfeilform, aus dem nachts riesige Gasflammen in den Himmel schießen sollten.

Daß solche Konzepte international bestehen können, bewies sich spätestens im Jahr 1987. Nach Projekten für Hamburg, Tokio, Berlin gewann das Duo einen großen französischen Wettbewerb, der den Neubau der Trabantenstadt Melun-Sénart südlich von Paris zum Thema hatte. Der letzte Rest an Unsicherheit, wie man den Namen der eigenartigen Wiener zu buchstabieren hat, verschwand im Jahr darauf, als das New Yorker Museum of Modern Art ihre Arbeiten in die vielbeachtete Show "Deconstructivist Architecture" aufnahm. Eine Retrospektive widmet den beiden Österreichern derzeit das Pariser Centre Pompidou – bis Mitte April ist sie noch zu sehen.