Von Elisabeth Wehrmann

Ausgerechnet Himbeeren! Die raspberry, auf amerikanisch kurz razzie, gewinnt im englischsprachigen Volksmund eine eher undelikate Bedeutung. Eine Himbeere, verrät Oxfords "Advanced Learner’s Dictionary", ist: "ein verächtliches Geräusch, mit Zunge und Lippen oder durch einen Wind, der dem Anus entweicht, hervorgebracht: eine Geste, die Widerwillen, Hohn, Spott und Mißbilligung ausdrückt".

Goldene Himbeeren reifen in Hollywood just dann, wenn alle Mitglieder der Filmindustrie und ihre Fans wieder das Oscar-Fieber packt. Wie die berühmten Academy Awards werden die Goldenen Himbeeren an Filmstars und Filme, an Schauspieler in Hauptrollen und Nebenrollen und für Drehbücher und Songs verteilt. Allerdings nur an die schlechtesten.

Ausgezogen, um der ganzen Filmindustrie die Zunge auszustrecken, um den fetten Pomp für den Oscar auf den Arm zu nehmen, ist John Wilson, 35 Jahre alt, Erfinder und Begründer der Golden Razzie Awards. John Wilson trägt ein himbeerrotes Sweatshirt mit dem Razzie-Logo. Aus der Hosentasche zieht er eine Pillendose mit der Aufschrift "Darwins Vitamine für den Kampf ums Dasein und das Überleben des Stärkeren". Die braucht er jetzt, wenn der Countdown für das Ereignis des Jahres beginnt. Am Sonntag, den 28. März, um 13 Uhr ("Genau 24 Stunden vor der Verleihung jener anderen Filmpreise") ist es soweit: Zum dreizehnten Mal werden die Goldenen Himbeeren im "Oscar-Saal" des ehrwürdigen "Roosevelt Hotels" verliehen, genau da, wo vor 63 Jahren die ersten Oscars zelebriert wurden.

Neun Monate lang ist John Wilson ein unauffälliger Mensch; neun Monate lang schreibt er stumm und geduldig Vorspanntexte und Inhaltsangaben für neue Filme. Aber im Frühjahr verwandelt er sich in den frechen Spottvogel, der furchtlos nach der Hand pickt, die ihn füttert. "Haben Sie ,Bodyguard‘ gesehen, mit Kevin Costner in der Hauptrolle?" will Wilson wissen. "Beide haben wir nominiert, die haben gute Aussichten auf einen Preis! Der Film ist eine uralte Klamotte; das Script wird seit zwanzig Jahren rumgereicht; irgendwann sollten schon Steve McQueen oder Burt Reynolds und Barbra Streisand oder Diana Ross die Hauptrollen spielen; nun ist das Ding gedreht, und was ist der Sinn der ganzen Übung? Geld machen! 117 Millionen hat der Kartenverkauf eingebracht, und in den USA allein ist die Schallplatte zum Film 7,2 millionenmal verkauft worden. Ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man das Publikum manipulieren und den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen kann.

Und wofür? Für ein sentimentales Gewäsch." Kreatives Kino stirbt in Hollywood, findet Wilson. Sylvester Stallone, den er schon als schlechtesten Schauspieler des letzten Jahrzehnts auszeichnete, verdiente gerade wieder zwölf Millionen Dollar für seinen neuen Film "Cliffhanger". "Und was bringt der: Action, Überfälle, Mord und Totschlag. Das haben wir in Los Angeles doch alles live auf der Straße. Wir brauchen nur ein Fenster aufzumachen und können kostenlos zuschauen."

Solange man ihn nicht selbst einen besseren Film drehen läßt, bleiben ihm und den 380 Mitgliedern der Goldenen-Himbeer-Stiftung die Razzie Awards. Am Sonntag werden, genau wie beim Oscar-Ritual, die Umschläge geöffnet. Mit dem Erscheinen der nominierten Preisträger wird nicht gerechnet: "Das hat in dreizehn Jahren nur einer gewagt, Bill Cosby, und der hatte die seltene Gabe der Selbstironie", sagt Wilson und schluckt die letzte Pille.