Botschaften aus aller Welt für alle Welt

KÖLN. – „Wenn Fahnen flattern, steckt der Verstand in der Trompete.“ Das ukrainische Sprichwort kann man auf einer der vielen braunen Papptafeln lesen, die an der „Klagemauer für Frieden“ dem scharfen Wind am Südturm des Doms trotzen. Es ist eine von tausend Botschaften, die Menschen aus aller Welt dort an Schnüren aufgereiht haben. Kalligraphien in arabischen und ostasiatischen Schriftzeichen hängen neben Bitten um Frieden in europäischen Sprachen, holprige Antikriegsgedichte neben Appellen gegen Haß und Intoleranz. In ungelenker Schrift bitten Kinder „die Großen“, die Erde für sie zu bewahren. Kayes aus Zaire fragt: „Ihr liebt Eure Hunde. Warum nicht Menschen mit schwarzer Haut?“ Gene R. aus Placentiz, California, offenbar ein Veteran des US Bomber Command, erinnert an seinen ersten „trip“ nach Köln im Jahr 1944. „Diesen“, schreibt er, „mag ich viel lieber. Haltet Frieden!“

Walter Herrmann, Exlehrer und Exsozialarbeiter, war vor zwei Jahren, als der Golfkrieg begann, Mitinitiator, Namengeber und Konstrukteur der „Klagemauer für Frieden“. Jetzt ist er ihr Pfleger und Wächter rund um die Uhr. Auch als Weber hat er schon gearbeitet, und die Erfahrungen aus diesem Beruf haben ihm geholfen, das Netzwerk aus Seilen, in dem die Botschaften hängen, fest genug zu knüpfen. Alle Stürme der letzten beiden Jahre hat es schadlos überstanden. Herrmann lebt in einer Art Unterstand aus Dachlatten, Plastikfolien und Wellpappe, den er sich am Südturm des Doms gebaut hat. Eine Querwand nimmt sein Matratzenlager ein, der übrige Raum ist vollgestellt mit Pappkartons, die seinen persönlichen Besitz und Briefe von allen Enden der Erde enthalten. Adresse: Domkloster 4. Den Antrag, dies auch als seinen offiziellen Wohnsitz einzutragen, hat die Stadt allerdings abgeschmettert.

Walter Herrmann ist stolz auf das internationale Echo seiner Aktion. Viele Schulklassen kommen mittlerweile auch aus Belgien, den Niederlanden und Frankreich und malen ihre Appelle auf die Pappkarten, die Herrmann bereithält. In einer Art Innenhof zwischen den Netzwänden hängt ein großer, aus Papier gefalteter Kranich, Symbol der japanischen Anti-Atom-Bewegung. Deren Sprecher brachte ihn mit vielen Botschaften aus Nagasaki und Hiroshima nach Köln.

Natürlich ist die Installation am Dom nicht unumstritten. Eine Kölner Zeitung nannte sie ein „schmuddeliges Gebilde“. Doch Teile von Walter Herrmanns Netzwerk wurden schon in den USA, in Louisville, Tennessee, im Rahmen einer Ausstellung deutscher Gegenwartskunst gezeigt. Den Abriß der „Klagemauer“ kann im übrigen nur die Stadt verfügen, denn ihr gehört der Boden, auf dem sie steht. Auch der Dompropst duldet das Unternehmen, meint allerdings, die Wirkung der „Klagemauer“ habe sich in jüngster Zeit „abgestumpft“. Andere Männer der Kirche denken anders. Auch Kapuzinermönche nutzen die „Klagemauer“ als Kanzel, und sogar Abbé Pierre, der 1949 bei Paris das Sozialwerk der Internationalen Emmaus-Bewegung gründete, kam, achtzigjährig, nach Köln und schrieb seine Botschaft auf Walter Herrmanns braune Wellpappe: „Denen überall zu dienen, die am schwächsten sind und die am meisten leiden – das ist die Quelle des lebendigen Friedens.“ Klaus Schulte

Pappschilder mit Appellen am Kölner Dom

Aufnahme: Rainer Heck