Von Fredy Gsteiger

Gaza-Stadt

Flutlicht, Militärfahrzeuge, ein Armeelager, Barrieren und lange Warteunterstände: Der Checkpoint Erez gleicht heute der alten DDR-Grenze. Morgens, wenn Zehntausende von Palästinensern zur Arbeit nach Israel fahren, bilden sich lange Schlangen. Eine Lautsprecherstimme bellt Befehle. Binnen weniger Minuten sei der ganze Gaza-Streifen, 45 Kilometer lang und acht Kilometer breit, abzuriegeln. Doch was nützt es, ein Pulverfaß abzuriegeln?

"Sorry, es gab noch Aktivitäten in der Omar-Muktar-Straße", entschuldigt sich der Fahrer des Armeejeeps. Die "Aktivitäten" waren eine Straßenschlacht, steht anderntags in den Zeitungen.

Vorne im Jeep sitzen der Fahrer und ein rothaariges Mädchen, beide bewaffnet, beide vom Informationsdienst. Die Helme haben sie neben sich gelegt. Hinten, auf der Kante der Bank, sitzt Dani. Eben hat er ein volles Magazin eingesetzt und richtet nun das Gewehr nach hinten zur offenen Tür hinaus. Die Windschutzscheibe ist durch ein grobmaschiges Gitter geschützt. Der Gaza-Streifen ist aus dem rumpelnden Fahrzeug in vier mal vier Zentimeter großen Portionen zu sehen. Die anderen Fenster sind aus dickem, verschmiertem Plexiglas. Ununterbrochen quäken aufgeregte Stimmen aus dem Funkgerät. Über das schwarzgelbe Mobiltelephon erfährt man, daß irgendwo im Gaza-Streifen immerzu irgendwas geschieht. Die "Hölle von Gaza" nennen die israelischen Soldaten den schmalen Küstenstreifen. "Ich bin froh, wenn ich hier lebend wieder rauskomme", gesteht einer freimütig seine Angst. Kein Einsatzort ist in der israelischen Armee so verhaßt wie Gaza.

"Auf dieser Strecke sind zwei Soldaten von Terroristen erschossen worden", berichtet der Jeepfahrer bemüht emotionslos. Das Gelände ist hier offen, und die Terroristen werden immer tollkühner. Unterhalb der Teerstraße dehnen sich die Sanddünen, große Wellen rollen ans Ufer. Draußen patrouilliert die Marine und wacht darüber, daß die Fischer von Gaza die knapp bemessene Fangzone nicht verlassen. Nur zwischen morgens sechs Uhr und abends fünf Uhr dürfen sie die Gittertore des Hafens passieren. Der ganze Streifen ist von hohen Stacheldrahtverhauen umgeben. Es wird erwogen, sie zu elektrifizieren, doch die Armee ist dagegen. "Kein Zaun ist unüberwindlich", meint ein Offizier, "ohne politische Lösung bringt auch elektrischer Draht nichts."

Längst haben sich viele Siedler in den besetzten Gebieten bewaffnet – provozierend mit umgehängtem Gewehr oder diskret mit einer Pistole im Wams. "Wir müssen jetzt nicht nur die Palästinenser in Schach halten", sagen die Militärs, "sondern auch jüdische Landsleute, die oft blindwütige Vergeltungsakte planen."