Dahin die Jahre, als Ferienmachen noch eine der leichtesten Übungen war. Wer nicht gerade den Anspruch hatte, ausgerechnet im Urlaub seinen Bildungshunger zu stillen, brauchte nur wenig zum Glücklichsein. Ein schattiges Plätzchen am Strand, einen möglichst dicken und möglichst spannenden Krimi, ein paar Handtücher und eine Tube Sonnencreme. Fertig. Und dann nur noch lesen, dösen, sonnenbaden, schwimmen, am nächsten Tag in umgekehrter Reihenfolge. Das war der wahre Jakob. Fit wie ein Turnschuh kehrte man zurück an den Arbeitsplatz, mit frisch aufgeladener Batterie und in der Lage, bis zum nächsten Jahr lässig durchzuhalten.

Wie gesagt, das war früher. Heutzutage gilt man ja quasi als Tagedieb, wenn man nicht mindestens mit einem neuen, in den Ferien erlernten Hobby aufwarten kann. Urlaub ist, das Gefühl drängt sich auf, zu allem nütze, bloß nicht zum Nichtstun. Den Tag verdösen, die Seele baumeln und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen – nichts da, wo kommen wir denn da hin. Also schleunigst her mit einer gescheiten Beschäftigung, frisch erlernt in, sagen wir mal, Niederbayern. Oder in der Toskana. Oder am Steinhuder Meer.

Dankenswerterweise findet man ja inzwischen in jedem Winkel der Welt entsprechende Offerten. Es wird sich herumgesprochen haben, daß nur ein beschäftigter Feriengast ein zufriedener Feriengast ist. Falls uns womöglich der Sinn danach steht, Seidentücher zu bemalen oder Kräuter zu sammeln, Blockflöte zu spielen oder Drachen steigen zu lassen – kein Problem, gibt’s überall. Lediglich dann tauchen derzeit noch leichte Schwierigkeiten auf, wenn es gilt, ausgefalleneren Wünschen gerecht zu werden, nach Seminaren im Kuckucksuhrenbasteln oder Schuhebesohlen etwa. Aber keine Sorge, nicht mehr lange, und wir können sogar das Züchten von Gentomaten hobbymäßig betreiben. Bis es soweit ist, wählen wir unseren Urlaubsort eben danach aus, wo es die tollsten Kurse gibt.

Darum, leider haben wir’s zu spät erfahren, wäre vor kurzem Frankfurt am Main für uns das richtige Ziel für einen Wochenendtrip gewesen. Dort gab es ein ganz besonderes Seminar, wie gemacht für Leute, die alles andere schon können: einen Kursus im Kursbuchlesen nämlich. Schade, schade, eine einmalige Chance verpaßt. Man stelle sich vor: nie mehr bei der ewig besetzten Information am Bahnhof anrufen, nie mehr wegen einer schnöden Fahrplanauskunft ins Reisebüro, wo sie sich das bißchen Blättern neuerdings sogar bezahlen lassen. Nie mehr wegen unkorrekter Antworten zur falschen Zeit am falschen Ort. Stunden-, ach was, tagelang hätten wir uns nach erfolgreich absolviertem Unterricht diesem Buch der Bücher widmen können, gemütlich auf dem Sofa sitzend und, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt, aus den mal gerade 200 000 Verbindungen die schwierigsten auswählen. (Mit dem Bahnbus nach Mitterfirmiansreuth zum Beispiel oder feiertags nach Rheda-Wiedenbrück mit Fahrradtransport.) Und auch für Tante Frieda, die immer vergißt, wann der letzte Zug nach Neumünster fährt, könnten wir endlich etwas tun.

Außerdem wäre es zu schön gewesen, den angeberischen Nachbarn eins auszuwischen, die letztes Jahr im Urlaub einen Lokomotivführerkursus gemacht haben. Da hätten wir denen aber mal erzählt, wo’s langgeht. Brigitte Wolter