BERLIN. – Das Experiment versprach spannend zu werden: Um die Schulsysteme der einst geteilten Stadt besser zu verzahnen, sollten Berliner Lehrer aus Ost und West für ein Jahr ihre Plätze tauschen können. Freiwillige vor! rief die Berliner Schulverwaltung 1991 zum Pädagogenaustausch auf, und die Massen strömten – rückwärts. Von den rund 35 000 Lehrern zeigten gerade 250 Lust auf das neue Terrain.

Seit kurzem ist es noch einer weniger. Mit sofortiger Wirkung und mitten im Schuljahr hat der Ostberliner Stadtteil Lichtenberg seinen Austauschlehrer dahin zurückgeschickt, wo er hergekommen ist: in den Westen. Studienrat Peter Klepper habe den Schulfrieden, so lautet der Kündigungsgrund, „gravierend“ gestört.

Unfreiwilliger Anlaß der „Friedensstörung“ ist Robert Havemann, engagierter Antifaschist, überzeugter Kommunist und unbequemster Gegner des SED-Regimes. Nach ihm sollte das 6. Gymnasium in Lichtenberg benannt werden, hatte Austauschlehrer Klepper im letzten Jahr medienwirksam vorgeschlagen – und Protest geerntet. Schüler, Lehrer und auch Eltern forderten den alten Schulnamen zurück. Das Gymnasium sollte weiterhin an die beiden Antifaschisten Hans und Hilde Coppi erinnern, die als Mitglieder der Widerstandsgruppe Rote Kapelle von den Nazis ermordet worden waren. Der Westlehrer warf den Coppi-Befürwortern „altes Denken“ vor. Ostschüler und Lehrer fühlten sich vom „Besser-Wessi“ um die eigene Geschichte und antifaschistische Überzeugung betrogen (DIE ZEIT Nr. 6 vom 5. Februar 1993). Der Namensstreit war nervlich aufreibend, wurde aber auch zum Lehrstück praktizierter Demokratie.

Ende Februar schienen sich die Wogen zu glätten: Lehrer und Schüler stimmten ab. Ihr Votum sollte der Schulkonferenz, in der jeweils vier Vertreter von Lehrern, Eltern und Schülern die endgültige Entscheidung fällen, die Marschrichtung zeigen. Das Kollegium plädierte für keine der beiden umstrittenen Varianten, sondern für den Allerweltsnamen „Gymnasium Karlshorst“. Außer Klepper wollten nur zwei weitere Lehrer des vierzigköpfigen Kollegiums Havemann auf diese Weise gewürdigt sehen. Die Schülerschaft dagegen wählte mit deutlicher Mehrheit Hans und Hilde Coppi als Namenspatronen. Ein Votum, das auch Havemann-Befürworter Klepper akzeptieren konnte, „denn nun war das eine demokratisch bewußte Entscheidung, die sich die Schüler selbst erarbeitet haben“.

Alle hätten gelassen dem Votum der Schulkonferenz entgegensehen können, doch mitten in den Abstimmungsprozeß platzte ein Antrag der SPD-Fraktion im Lichtenberger Stadtparlament angeregt vom zuständigen Volksbildungsstadtrat Jürgen Bergmann (SPD). Darin wird „die Schulkonferenz des 6. Gymnasiums ersucht, als Namen für das Gymnasium ‚Hans und Hilde Coppi‘ zu wählen.“ Begründung: „Der Streit zur Namensgebung sollte schnellstmöglich beendet werden.“ Der parlamentarische Vorstoß des Stadtrats gerät zum Eigentor. Nicht einmal die Hälfte der eigenen Fraktion unterstützt diese Einmischung in die Autonomie der Schule. Und sogar die PDS, auf deren Stimmen für Coppi man wohl gezählt hatte, läßt die SPD im Regen stehen.

Zur selben Zeit taucht die Bezirksschulrätin zu einem unangemeldeten Unterrichtsbesuch beim „Quertreiber“ aus dem Westen auf – eine völlig unübliche Visite. Klepper, der in seinem Heimatbezirk in der Prüfungskommission für angehende Lehrer sitzt, „kommt sich plötzlich vor wie der letzte Idiot“. In der Zwischenzeit meldet sich ein anderes Ostberliner Gymnasium, das den Namen Havemann-Schule für sich reklamiert. Der Wessi meldet Zweifel an diesem „Zufall“ an. Und auch an einem anderen Punkt interveniert er. Nach dem Votum der Schülerschaft für den Namen Coppi hängt ein Aushang im Lichtenberger Gymnasium: Die Entscheidung sei gefallen, schreibt da der Direktor und gibt zu verstehen, daß die Entscheidung nur Coppi-Gymnasium heißen könne. Klepper weist darauf hin, daß Lehrer und Schüler doch Unterschiedliches entschieden hätten und die Schulkonferenz das letzte Wort habe.

Der Unbotsamkeit gegen den Direktor folgt ein ungewöhnlicher Arbeitsauftrag. Übers Wochenende soll Klepper abschließende Beurteilungen über alle seine 180 Schüler schreiben. Was der Lehrer zunächst als Schikane interpretiert, ist die Vorbereitung seiner Versetzung. Von seinem Heimatbezirk erfährt er, daß ein Ersuchen des Lichtenberger Stadtrats vorliegt, ihn möglichst schnell zurückzubeordern. Wenig später ist das auch in Zeitungen zu lesen. Klepper selbst bekommt die offizielle Benachrichtigung erst verspätet. Am Freitag vergangener Woche teilte Stadtrat Bergmann ihm mit, daß er möglichst gar nicht mehr wiederkommen solle, „damit wieder Frieden an dieser Schule einkehrt“. Gegenüber der Presse fügt der Stadtrat hinzu, er könne nicht verantworten, daß sich Klepper „gegen den Schuldirektor und die Schulrätin auflehnt“. Aber er sei ja „vorgewarnt gewesen vor diesem Mann“, der schon im Westen als unbequem auffiel, als er beispielsweise seine Schüler zum Unterricht in ein besetztes Haus einlud. Deshalb habe er als Stadtrat auch im vorhinein versucht, die Abordnung des Wessis zu verhindern. Eine Aussage, die jetzt erklärt, warum Kleppers Angebot, auf Dauer nach Lichtenberg zu wechseln und dafür auch eine zwanzigprozentige Gehaltseinbuße hinzunehmen, nie beantwortet wurde.