ARD, dienstags: "Harry & Sunny"

Eine sentimentale Geschichte: Berliner Göre, circa zehn, verwaist, frech, sehr hübsch und – wie man erst erkennt, wenn sie die Jacky-Coogan-Mütze abnimmt und die dunkle Mähne schüttelt – weiblichen Geschlechts, begegnet gereiftem Boulevardjounalisten und erobert des unsteten Lebemanns gütiges Herz.

Aber da das Kind von der reizenden Nadja Goldhorn und der Reporter von Harald Juhnke verkörpert wird, läßt sich die Geschichte nicht nur ertragen, sondern genießen. Es ist, als werde die Sentimentalität von der Berliner Kaltschnäuzigkeit – deren jugendlich-rotzige Spielart das kleine Mädchen, deren lässig-milde Variante der alte Knabe aufbietet – neutralisiert. Übrig bleibt die Geschichte des Zeitungsmenschen Harry und des Heimkindes Sunny und was die zwei einander bedeuten, wenn sie ins Kino gehn und "Casablanca" gucken.

Es ist charakteristisch für den Geschichtsverlust Berlins – hing es doch mit seiner Mauer vierzig Jahre zwischen den Welten daß es so etwas wie einen Berliner Geist oder ein Berliner Lebensgefühl nicht geben will. Immer da, wo Künstler von Bühne, Film und Fernsehen die Berliner Luft heraufbeschwören, knüpfen sie an das Milljöh der Zwischenkriegszeit an und zitieren Gesten, Töne und Attitüden, die längst ausgestorben sind. Das gilt für Harald Juhnke ebenso wie für den Volksschauspieler Günther Pfitzmann, für den Star Manfred Krug ebenso wie für die Komödiantin Anita Kupsch (die in "Harry & Sunny" die Barfrau Lilly gibt). Sogar die niedliche Sunny mit ihrer Berliner Schnauze, ihrer Kleinkriminalität und ihrer Mütze wirkt wie aus den zwanziger Jahren übriggeblieben.

Dieses Herz-auf-dem-rechten-Fleck-Pathos der riesigen, rührigen Proletenmetropole Berlin ist hoffnungslos veraltet, aber es ist als Zitat, Erinnerung und Überbleibsel lebensfähig. Und solange die Nostalgie den Sinn für Neues, das sich endlich doch seit 89 regen müßte, nicht vollends lähmt, soll sie in der Fernsehserie ihren Platz behalten.

Immerhin bemüht sich "Harry & Sunny" um ortstypische Bizarrerien. Eine Folge spielt im "Zigarettenexpress Warschau-Berlin", eine andere vor einem Haus, um das Ostbewohner und Westbesitzer mit scharfen Zungen und Hunden streiten. Ferner bringt der Schauspieler Guntbert Wams, der den Photographen Gottliebchen spielt, als jüngerer Berliner schon eine andere Note hinein: Auch er ist, wie es sich gehört, ein heiterer Verlierer, aber sein Herz, das natürlich auf dem rechten Fleck sitzt, ist schon ein bißchen schweren als das des ewigen Schmunzlers Juhnke, und wenn Gottliebchen sein sauer erschnorrtes Geld zur Wahrsagerin trägt, strahlt er jenen blanken Irrwitz aus, für den die Berliner einst zu realistisch und zu realsozialistisch waren, der sie aber jetzt am Arsch packt.

Als Endlos-Serie, in Folge 597, könnte "Harry & Sunny" wohl etwas von dem herausdestilliert haben, was sich in Berlin an Lebensgefühl zusammenbraut und was bisher – in dieser Serie und in den meisten anderen Berlin-Filmen – von der in Schauspielern wie Juhnke aufbewahrten, überlebten Jovialität verdeckt wird. Aber so genau will das ja keiner wissen! Geben wir uns mit dreizehn Folgen zufrieden. Bei Juhnke ist man froher Laune sicher – und im übrigen: "Lieber schlittern als schlottern", wie Harry sagte. Oder war es Sunny? Barbara Sichtermann