Von Robin Detje

Hat man Mercutio, den Raufbold, je so männlich sterben sehen wie in Leander Haußmanns Münchener Inszenierung? Längst schon tödlich getroffen, dreht der Schauspieler Wolfgang Bauer noch zu wild-trauriger Musik seine Runden, als wäre es nichts. Bayert ungerührt seine Sätze hin, obwohl der Schmerz ihm doch schon die Brust zerreißt. Und dann erst stirbt er – sitzend. Ein ganzer Kerl, ein Held, ein Cowboy, ledergewandet. Mad Max III.

Schon der Anfang war ein Vorgeschmack auf diese abgefahrene Fechtszene zwischen Mercutio und Tybalt, auf diesen westernmäßigen Showdown, als sich der Vorhang hob und die Truppen der Capulet und Montague einander im blutorangenen Morgennebel verbellten. Die jungen Herren sprachen Englisch ("Peace! Thanks! Fightl"), "Drecksack" war das erste deutsche Wort.

Raufbolde. Verona (halboffene Wohntürme vor einem hektisch bunten Himmel, von Bernhard Kleber auf die Drehbühne des Residenztheaters gebaut) ist voll von ihnen. Zu Maskenfesten tragen sie Greisenmasken und Fackeln, kokettieren mit der Dialektik von Geilheit und Verwesung, während ganz Verona rotiert (was die Ausstattungsidee auf mechanischem Weg in den Rang einer Allegorie erhebt).

Der ganz und gar durchschnittlich solide (hübsch von Guntram Brattia gespielte) Romeo hat es auf dieser Kirmes mit der Liebe schwer. Manchmal versucht er, schwitzend mitzurüpeln, muß aber sofort wieder klassisch schwärmen. Seine Julia (Anne-Marie Bubke) liebt sowieso nicht, sondern plappert oder schmollt. Auf Romeos Weg hinauf zu ihrem Balkon erreicht der Abend die hektische Spaßigkeit einer bayerischen RTL-Sexkomödie, wo beim Fensterln auch immer die Leitern zusammenkrachen und die Mädchen nervös kichern.

Auf dem Balkon führt Romeo seinen nackten Oberkörper vor; nach der Pause (die Handlung hat sich inzwischen auf Veronas Dächer verlagert, wo seltsamerweise die Welt untergegangen ist und man sich an brennenden Abfalleimern wärmt) bekommen wir auch noch den Rest zu sehen. Romeos und Julias Liebesnacht ist ein neuer Tiefpunkt des antierotischen (aber angestrengt kessen) FKK-Theaters. Julia hat sich ein durchsichtiges Naturleinen-Negligé vorbehalten, was der Szene nichts von ihrer Peinlichkeit nimmt.

So inszeniert Leander Haußmann: Er hangelt sich, mächtig bemüht, seinem Ruf als Deutschlands jugendlichster Jungregisseur gerecht zu werden, lausbübisch von einer Regie-Mutprobe zur nächsten und reiht kleine Respektlosigkeiten und Unverschämtheiten auf eine endlose Kette. Da es keine Verschämtheiten mehr zu durchbrechen gibt und keine Respektierlichkeiten mehr zu despektieren, erzeugt er dabei nichts als Langeweile. Seine Schauspieler (von denen es nur Margit Carstensen mit offenbar unzerstörbarem Talent gelingt, aus der Amme ein menschenähnliches Wesen zu formen) verlegen sich nach der Pause aufs Brüllen. So endet das superfetzige Unternehmen in ganz braver Feld-Wald-und-Wiesen-Hysterie.