ARD, Mittwoch, 31. März, 20.15 und 23.05 Uhr: "Wehner – die unerzählte Geschichte"

Die Biographie Herbert Wehners ist ins Gerede gekommen, seit der stern, dem Spiegel zuvorkommend, mit Akten aus der Moskauer Zeit aufwartete, die beweisen sollen, daß Wehner Stalins Schergen zugearbeitet hat. Hat er oder hat er nicht? – An dem neuerdings beliebten Enthüllungsspiel beteiligt sich Heinrich Breloer mit seinem zweiteiligen dokumentarischen Fernsehspiel nicht. Er will zeigen, wie Wehner zu dem wurde, der er war: einer der faszinierendsten, aber auch rätselhaftesten Politiker der alten Bundesrepublik.

Wie schon in seinen Filmen über Barschel-Skandal ("Die Staatskanzlei") und co op-Affäre ("Kollege Otto") arbeitet Breloer mit einer Montage aus Dokumentaraufnahmen, Interviews und Spielszenen – eine schwierige Mischform, die auf der Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion balanciert. Ein ansehnliches Kontingent an Zeitzeugen wird aufgeboten: Vertraute aus Bonner Tagen (überraschend mitteilsam: Karl Wienand), aber auch aus frühen Jahren, darunter – eine kleine Sensation – seine beiden ersten Lebensgefährtinnen, Lotte Loebinger und Lotte Treuber. Wo das dokumentarische Material aussetzt, treten die Schauspieler in Aktion – nicht um die realen Personen zu kopieren, sondern um ihre verborgenen Seiten sichtbar zu machen. Überragend: Heinz Baumann in der Rolle des "alten Wehner", der sich erstaunlich in Gestik und Sprechweise seines Vorbilds eingefühlt hat. Glänzend auch Ulrich Tukur, der als "junger Wehner" allerdings den leichteren Part hat, weil er sich nicht gegen den echten Wehner behaupten muß – und der war, neben vielem anderen, auch ein großartiger Schauspieler.

Der erste Teil, in dessen Zentrum der dramatische Konflikt zwischen Wehner und Willy Brandt in den Jahren 1972 bis 1974 steht, ist nur das Vorspiel für die eigentliche, die "unerzählte Geschichte": die des Kommunisten Wehner im Moskau der dreißiger Jahre. Breloer hat an den Originalschauplätzen gedreht, im Hotel "Lux" und in den Kellern der Lubjanka. Auch er blättert die "Kaderakte" Wehners auf, allerdings nicht um anzuklagen und zu richten, sondern um zu verstehen, wie es gewesen sein könnte. Wie hier einer im Dschungel der stalinistischen "Säuberungen" zu überleben suchte – und dabei selbst zum Verfolger, zum Täter wurde. Ruth von Mayenburg, eine Flurnachbarin Wehners im Hotel "Lux", erschrickt, als sie nach fünfzig Jahren zum erstenmal wieder das "Grandhotel der Weltrevolution" betritt, das für viele exilierte Kommunisten zur tödlichen Falle wurde: dasselbe Geräusch des Fahrstuhls, dieselben langen Korridore und engen Zimmer, hinter deren Türen die Opfer auf die nächtlichen Greifkommandos des NKWD warteten.

Erst die beklemmend authentisch rekonstruierte Atmosphäre aus Bespitzelung, Denunziation und Selbstbezichtigung wirft Licht auf manche Verhaltensweise des späteren Wehner: Er war ein schwer Traumatisierter, mißtrauisch, verletzlich und liebebedürftig, getrieben von Verlust- und Verfolgungsängsten. "Sie werden mir die Haut vom lebendigen Leibe reißen", wußte er 1948, als der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher ihm die Kandidatur für den Bundestag antrug. "Aber du hältst das aus", ermutigte ihn Schumacher. Er hat es ausgehalten – um welchen Preis, das zeigt der erste Teil dieses bemerkenswerten Films. Volker Ullrich