Von Klaus Hurrelmann

Ein Plädoyer für Autorität also. Es ist seltsam zurückgewandt. Ein Plädoyer für die Autorität, wie sie sich Eltern in den sechziger Jahren wünschten und vielleicht auch praktizieren konnten. Es klingt alles so einfach. Leggewie tut so, als brauchten Eltern und Lehrer nur mal eben in Horkheimers familiensoziologischen Schriften zu blättern, um bisher vergessene Zusammenhänge neu zu entdecken. Dann wüßten sie, was sie bisher vernachlässigt haben.

Mit dieser Argumentation wird Leggewie der Umbruchphase der späten sechziger Jahre nicht gerecht. Es war der späte Ausgang der Nachkriegsepoche, eine Abrechnung mit den Vätern und Müttern, die für verkrustete Autoritätsverhältnisse verantwortlich gemacht wurden. Die Suche galt der Legitimation von Autorität. Angegriffen wurden Eltern, Lehrer und Hochschullehrer, die Unterordnung und Gehorsam verlangten, ohne sagen zu können, wofür. Es war eine Bewegung gegen die autoritäre Autorität.

Die 68er-Bewegung stellte die richtigen Fragen zur richtigen Zeit. Ihr verdanken wir die Erkenntnis, daß Kinder nicht als Privateigentum ihrer Eltern betrachtet werden können. Seit dieser Zeit besteht der Anspruch, jedem Kind ein Recht auf eigene Persönlichkeit und eigene Entwicklung zuzusprechen. Nur wenn dieses Recht eingeräumt wird, kann ein Kind Verantwortung für sich selbst und für gesellschaftliche Probleme übernehmen.

So richtig die Impulse der antiautoritären Bewegung der ausgehenden sechziger Jahre waren, so wenig helfen uns die Antworten von damals heute weiter. Wir leben heute in einer anderen Umbruchsituation. Wir stehen vor ökologischen Katastrophen und globalen ökonomischen und politischen Spannungen. Die alten Antworten helfen nicht weiter, auch nicht die Umbruchbotschaften aus den sechziger Jahren. Wie soll das denn gehen, heute Autorität zu haben? Einfach nur durch das Weglassen der antiautoritären Komponente aus den sechziger Jahren gewinnen Eltern und Lehrer noch lange nicht Autorität. Hier macht es sich Leggewie sehr einfach: „Gerade in einer multikulturellen Gesellschaft muß man lernen, wo die Grenzen des eigenen Tuns liegen.“ Na, ihr Eltern und Lehrer – dann lehrt mal schön! Die Kinder werden sich ihren eigenen Reim darauf machen.

Greifen wir doch einmal auf die wissenschaftliche Forschung zurück. Wann führt elterliches Verhalten zu selbständigen, entscheidungsfreudigen und verantwortungsbereiten Persönlichkeiten bei den Kindern? Die Antwort ist kompliziert, aber auch eindeutig. Erziehung findet in einem magischen Dreieck statt: Zur Erziehung gehören die emotionale Annahme des Kindes, Wärme und Akzeptanz. Das Kind muß merken: Ich mag dich so, wie du bist. Zugleich aber ist eine Überhitzung dieser Wärmebeziehung äußerst gefährlich. Wir haben es dann mit der emotionalen Überbehütung zu tun. Sie ist in klein gewordenen Familien heute ein ständiges Risiko. Mütter und Väter schütten die Kinder mit ihrer Liebe zu.

Erziehung ist die Herausforderung von Selbständigkeit des Kindes. Alle Schritte, die die Jüngeren zur eigenen Entscheidung und eigenen Gestaltung des Lebens befähigen, gehören dazu, Auch das Loslassen zum richtigen Zeitpunkt. Wer das nicht kann, macht die Jüngeren abhängig und hält sie fest. Umgekehrt überfordern diejenigen Eltern ihre Kinder, die ihre eigenen Leistungsmaßstäbe in sie projizieren.