MÜNCHEN. – „Der Uhl, der werd’s eam scho no zoag’n. Wenn i b’suffa Taxi fahr, bin i mein Schein a los“, zürnt ein Taxifahrer am Taxistand am Stachus. Auf seinem Lenkrad hat er Bild liegen und liest in fetten Lettern: „Münchens feine Kokser atmen auf“. Sach- und Sprachunkundigen sei erklärt: Hans Peter Uhl ist Chef des hiesigen Kreisverwaltungreferats, mit „eam“ meint dagegen des Volkes Stimme den wegen Koksens vor Gericht und in die Schlagzeilen gekommenen Kochstars Eckart Witzigmann. Hiermit sind auch die Kontrahenten des zweiten Akts genannt.

Der erste (DIE ZEIT Nr. 11 vom 12. März 1993) endete am Mittwoch vor acht Tagen mit den Plädoyers und der Urteilsverkündung. In eleganter Andeutung erinnerte die Verteidigung an die Fälle Wiesheu und Wepper. Jener prominente CSU-Politiker hatte vor Jahren im Rausch einen Mann totgefahren und war damals mit einer Bewährungsstrafe „davongekommen“. Und im Gegensatz zum Fall des Fernsehkriminalers Wepper, der einst ebenfalls wegen Koksens in Konflikt mit dem Gesetz kam, handle es sich bei Witzigmann um „ehrlich erworbene“ Prominenz. So fiel das Urteil für den Koch auch zum Aufatmen aus: Zwei Jahre mit Bewährung wegen Erwerbs und Weitergabe von Kokain. Dem Staatsanwalt war das zuwenig, er wollte den Koch lieber für zwei Jahre und neun Monate in den Knast schicken und hat Berufung beantragt. Das allein schon deshalb, weil Witzigmann sich während dreier Verhandlungstage weigerte, seine Kokainquellen zu nennen: „Das sind auch Freunde von mir, die kann ich nicht verpfeifen.“

Der staatsanwaltlichen Argumentation schließt sich nun das Kreisverwaltungsreferat an und droht mit Konzessionsentzug. Hans Peter Uhl: „Herr Witzigmann muß sich bis zum 1. April erklären und Roß und Reiter nennen: Wer sind die Verbrecher, die ihn und andere mit Rauschgift versorgt haben. Er muß eindeutig bekennen, ob er im Lager des Rechts steht oder zu den Dealern hält. Wenn Witzigmann weiterhin keine Namen ausplaudert, kann das“, so Uhl („Ich rede jetzt im Konjunktiv“), auch bedeuten, „daß er Angst vor diesen Verbrechern hat, sprich: daß er erpreßbar und damit nicht zuverlässig ist“.

Die Frage nach der „Zuverlässigkeit“ könnte sich für Witzigmann als Justitias Zünglein an der Waage erweisen, steht doch im Gaststättengesetz unter Paragraph 4: „Die Erlaubnis ist zu versagen, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, daß der Antragsteller die für den Gewerbebetrieb erforderliche Zuverlässigkeit nicht besitzt, insbesondere dem Trunke ergeben ist.“

Harald Mosler, der Anwalt Witzigmanns, sieht die Sache etwas anders: „Es ist eine Unterstellung der Staatsanwaltschaft, es gäbe Hintermänner und Dealer. Jetzt wird daraus ein Kommunalpolitikum mit besonderem Zubehör gekocht, bei dem Gastwirte zu Hilfsbeamten der Staatsanwaltschaft verformt werden.“

Um sicherzugehen, daß es der Uhl dem Sternekoch nicht doch noch zeigen wird, dachte sich der Jurist für Mandant Witzigmann „eine naheliegende Reaktion“ aus: Schon vor Prozeßbeginn hat unter seiner Federfüh-– rang Witzigmanns Edelfachfreund Alfons Schuhbeck eine Konzession für dessen „Aubergine“ beantragt. Und weil Vertrauen gut, Kontrolle aber besser ist, hat Witzigmann monatliche Haarproben in der neuen Partnerschaft zugesagt. Sie sollen fürderfort belegen, daß der Koch nicht mehr kokst. Ob die Spezl-Allianz der Sterne (Witzigmann drei, Schuhbeck einen) hält, was sich ihr Konstrukteur verspricht, muß sich zeigen. Denn der geschickt eingefädelte Schachzug mit Schuhbeck schützt dessen Kochkollegen nicht vor einer weiteren finsteren Wolke, die derzeit die Witzigmann-Karriere verdunkelt, droht dem Wahlmünchner mit österreichischem Paß wegen Verurteilung auch die Ausweisung wegen einer Straftat. Uhl: „Da muß man aber erst das rechtskräftige Endurteil abwarten.“ Und weil das Delikt und dessen Beurteilung ein äußerst delikates ist, will sich Münchens oberster Kommunalaufseher vor endgültigen Entscheidungen „auch mit OB Kronawitter beraten“. Für Anwalt Mosler sind das alles noch „ungelegte Eier“. Und: „Gegen eine Ausweisung gibt es auch rechtsstaatliche Methoden.“

Sicher ist heute nur soviel: Den Boulevardblättern wird der Fall noch reichlich Stoff für Schlagzeilen liefern, und der Taxler vom Stachus kann sich jetzt schon über mannigfaltige Gelegenheit zum Echauffieren freuen. Denn die Zutaten, die derzeit an der Isar die Tragikochkomödie wie Hefeteig hochgehen lassen, schmecken sehr nach drittem Akt, viertem Akt, fünftem Akt, sechstem Akt... Heiner Uber