Von Rob Kieffer

Der Schloßherr empfängt mich in Sandalen und legerem Freizeithemd. In seinem Büro türmen sich zusammengerollte Architektenpläne und zahlenübersäte Computerausdrucke. Robert Carvallo ist Besitzer des 1563 fertiggestellten Villandry, eines der letzten großen Renaissance-Schlösser an den Ufern der Loire, eines Bauwerks, bei dessen Architektur französische Finesse und italienische Grandezza miteinander verschmelzen. Dem Klischee des in feines englisches Tuch gekleideten châtelain, der sich aristokratischem Müßiggang und der Pflege verstaubter Ahnentradition hingibt, entspricht der Hausherr nicht. Carvallo wirkt eher wie ein grüblerischer Philosophieprofessor.

Wenn faustgroße Löcher in hektargroßen Dächern geflickt werden müssen oder in kilometerlangen Gängen Stromkabel vor gefräßigen Nagern zu schützen sind, greift Monsieur le Comte schon mal selbst zur Klempnerzange. Madame la Marquise verkauft Ansichtskarten. Ohne die Kohorten eintrittzahlender Bus-Touristen, die ihre Nase in das Schlafzimmer Katharina von Medicis stecken oder die Fransen am Himmelbett Ludwigs XII. betasten wollen, wären die grandiosen Steinlabyrinthe längst zu Ruinen verkommen.

Villandry, zwanzig Kilometer westlich von Tours, ist ein mit filmreifen Schicksalen verbundener Familienbesitz. Robert Carvallo, der vor seinem Wandel zum Schloßherrn einen hochdotierten Posten in der Führungsetage einer Pariser Bank innehatte, war nicht besonders erfreut, als er Villandry und seine Gärten 1972 von seinem Vater erbte. Der hatte weder das Geld noch den Geschäftssinn besessen, um die Residenz, die von einem Finanzminister Franz’ I. errichtet worden war, in Schuß zu halten.

Den hellen Tuffstein überzog eine graue Schmutz-Patina, der Verfall schien unaufhaltsam. In den verwilderten Gärten, einer am Anfang dieses Jahrhunderts entstandenen Neuschöpfung von Renaissance-Anlagen aus dem 16. Jahrhundert, hätte sich selbst Tarzan zu Hause gefühlt. Der Reiseführer "Guide Michelin" drohte, der abgetakelten Sehenswürdigkeit die Topquotierung von drei Sternen wieder wegzunehmen. Die Besucher kamen so spärlich, daß sie persönlich mit Handschlag begrüßt werden konnten.

Robert Carvallo wollte das problembelastete "Erbstück" gleich wieder loswerden, doch nicht mal der Staat interessierte sich dafür. Der Name Villandry verknüpfte sich noch immer mit der Erinnerung an ein finanzielles Debakel. Carvallos Großvater, der in Spanien geborene Doktor Joachim Carvallo, hatte seinerzeit eine nobelpreisträchtige Karriere als Wissenschaftler aufgegeben. Das Vermögen seiner Frau, einer Amerikanerin aus reichem Südstaaten-Haus, rieb er einer fixen Idee zuliebe auf, als er zwischen 1907 und 1920 nach alten Plänen die weithin berühmten Gärten anlegen ließ.

Mit Hilfe seiner Frau und mit einem modernen Marketingkonzept ausgestattet, machte sich Robert Carvallo an die Sanierung von Villandry. Mit Erfolg – heute werden jährlich bis zu 350 000 Besucher gezählt. Das ganzjährig für Publikum geöffnete Villandry rangiert an vierter Stelle der berühmtesten Fürstenpaläste im "Tal der Könige" – hinter Chenonceaux, Chambord und dem Peloton der gleichrangigen Bauten Blois und Azay-le-Rideau. Carvallo gelang es, den drohenden Bankrott abzuwenden. Und dies, obwohl er keine staatlichen Subventionen erhielt. Er schaffte es zudem mit einem erstaunlich geringen Personalbestand – nur fünfzehn Leute sind fest angestellt. Der Hausherr entschied sich auch gegen Wachsfigurenkabinette, son et lumière-Spektakel und historische Laienschauspiele, wie sie bei der Konkurrenz üblich sind. Dabei ist das Buhlen um Besucher ein knallhartes Geschäft: Umfragen ergaben, daß sich die meisten Reisenden nur maximal drei Tage im Loire-Tal aufhalten und höchstens drei bis vier Schlösser besichtigen.