Von Spiros Simitis

Walter Weyrauch war bei Kriegsende Gerichtsreferendar in Frankfurt. Er gehörte einer Gruppe von etwa fünfzig Juristen an, die der noch im Aufbau befindlichen Polizeiverwaltung bei der Vernehmung inhaftierter Nationalsozialisten helfen sollte. So kam es, daß er auf eine bestimmte, später sichergestellte und ihm zur Auswertung überlassene Gestapo-Kartei aufmerksam wurde: 130 000 Karten, die größtenteils Angaben über „verdächtige Personen“ enthielten, daneben aber auch Informationen über V-Leute. Alle Versuche, die Kartei wiederzufinden, scheiterten. Manches spricht freilich dafür, daß sie in den Vereinigten Staaten ist. Die National Archives in Washington verfügen jedenfalls über ein durchaus vergleichbares Dokument. Weyrauch, heute Professor an der Universität Gainesville in Florida, gelang es freilich nicht einmal, diese nach wie vor als „geheim“ klassifizierte Unterlage einzusehen. Noch 1987 wurde ihm versichert, daß mit einer Freigabe in absehbarer Zeit nicht gerechnet werden könne. Sein Buch gründet sich deshalb nur auf zwei seinerzeit verfaßte und um seine Erinnerungen ergänzte Berichte.

Man stutzt. Gestapo-Unterlagen genießen offenkundig immer noch einen Sonderstatus. Was also bei den Stasi-Akten mittlerweile selbstverständlich, ja gesetzlich garantiert ist, spielt dann keine Rolle mehr, wenn es um NS-Dokumente geht. Auf den Punkt gebracht: Die Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi werden preisgegeben, die „Vertrauens-Leute“ der Gestapo geschützt. Gewiß, die Bundesrepublik trifft kein Vorwurf. Die Geheimhaltung ist ausgerechnet von den Behörden eines jener Länder angeordnet worden, die sich einst zum Ziel gesetzt hatten, alles zu tun, um den Nationalsozialismus nicht wieder aufkommen zu lassen. Am Ergebnis ändert sich dennoch nichts: Der Rigorismus bei der Aufarbeitung der „DDR-Vergangenheit“ kontrastiert einmal mehr mit der Passivität bei der Auseinandersetzung mit derNS-Zeit.

Über die Ursachen der Zugangssperre läßt sich nur spekulieren. Weyrauch nennt vor allem drei: die Abneigung, eigene, in der Verdächtigen-Liste enthaltene Agenten zu „enttarnen“, den Wunsch, die politischen Konsequenzen der Erkenntnis zu vermeiden, daß mancher Nachkriegs-Amtsträger in Wirklichkeit ein V-Mann der Gestapo war, und den gleichsam routinemäßig angeführten Persönlichkeitsschutz. Ein weiterer möglicher Grund wird eher nebenbei erwähnt: der, milde ausgedrückt, potentielle Manipulationswert solcher Dokumente. Einen besonders eindrucksvollen Beweis dafür haben erst jüngst die Versuche geliefert, polnische Politiker mit Hilfe der angeblich ausschließlich zur Vernichtung bestimmten Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes zu Konzessionen zu zwingen.

Die Sperre stachelt die Phantasie an. Weyrauch dämpft zu Recht die Erwartungen. Was er zu sehen bekommen hatte, war nur ein Hilfsmittel, das eine erste Übersicht ebenso ermöglichen wie den Zugang zu den eigentlichen Unterlagen erleichtern sollte. Die Kartei listete daher zwar die Informanten auf, ging aber kaum auf deren Tätigkeit ein; Genaueres war nur den Gestapo-Akten zu entnehmen. Zudem: Die einschlägigen Vermerke beweisen noch lange nicht, daß die jeweils vermittelten Informationen wirklich zutreffen. Schon deshalb, weil gerade unter den Bedingungen einer totalitären Gesellschaft die Unterlagen der Sicherheitsbehörden auch und gerade die Unentbehrlichkeit der eigenen Tätigkeit demonstrieren sollen. Dementsprechend gestalten sich die Eintragungen. So ergänzte die Gestapo die Liste ihrer V-Leute um „arische“ Geschäftsleute, deren „Informantentätigkeit“ lediglich darin bestand, den Schutz ihrer „nichtarischen“ Frauen durch Geldzahlungen an die Gestapo zu erkaufen. Wer sich deshalb ohne weiteres dazu bereit findet, die Richtigkeit der jeweiligen Angaben zu unterstellen, ignoriert den Verarbeitungskontext, ja, schlimmer noch, benutzt sie ganz im Sinne ihrer Registratoren.

Die Kartei läßt dennoch bestimmte, vor allem allgemeine Schlüsse zu, etwa zur Provenienz der V-Leute. Sie rekrutierten sich in erster Linie aus Personen mit „neutraler“ Nationalität, beispielsweise Schweizern, Angehörigen feindlicher, vorwiegend östlicher Staaten sowie politisch, rassisch oder religiös Verfolgten. Weyrauch macht, nicht zuletzt vor diesem Hintergrund, eine Reihe gemeinsamer Merkmale aus. Die V-Leute zeichneten sich einerseits, jedenfalls äußerlich, durch eine hinreichende Distanz zum herrschenden politischen Apparat aus, stammten andererseits aber aus Gruppen, zu denen es, mit Rücksicht auf eine zumindest partiell gemeinsame historische und kulturelle Tradition, selbst in einer kritischen Zeit noch möglich war, eine ebenso persönliche wie vertrauliche Beziehung zu knüpfen. Durchweg ging es ferner um Personen, die, von Dritten unbemerkt, relativ kontinuierlich, aber trotzdem nicht professionell Informationen lieferten und die sich daher weder den Denunzianten gleichstellen noch etwa mit den betrieblichen Abwehrbeauftragten vergleichen lassen. Ganz gleich schließlich, ob die Zusammenarbeit durch Drohungen erzwungen wurde oder aus eigenem Antrieb erfolgte, die V-Leute sicherten sich zwar eine Überlebenschance, handelten sich jedoch dafür ein unauflösliches Dilemma ein: Sie blieben in ihrer familiären, beruflichen und sozialen Umgebung, stellten aber deren Existenz fortwährend in Frage.

Weyrauch sieht freilich in der „Typologie“ der Gestapo-V-Leute nur die Vorstufe einer gleichsam zeitlosen „Theorie der Geheimdienste“. Kein Zweifel, V-Leute gibt es nicht nur in ganz bestimmten politischen Systemen, zumal sich ihre Tätigkeit von der klassischen Strafverfolgung bis hin zu evident politischen Aufgaben erstreckt. Ebenso steht außer Frage, daß manche der von Weyrauch beschriebenen Rekrutierungspraktiken und Verhaltensweisen keineswegs nur für die nationalsozialistische Zeit symptomatisch sind. Nur: Die Gestapo läßt sich eben nicht, genausowenig übrigens wie die Stasi, die francistische Polizei oder der KGB, ohne weiteres in einen geschichts- und zeitbereinigten „interadministrativen Vergleich“ einbeziehen. Sie war der Garant einer vom NS-System angestrebten bedingungslosen Instrumentalisierung des einzelnen, die gerade mit Hilfe einer möglichst lückenlosen Überwachung erzielt werden sollte.