Immer noch wirkt diese parallel geordnete Hochhäuserherde, die nun schon seit vierzig, fünfzig Jahren auf dem leicht geneigten Rasenhang zwischen Brahmsallee und Grindelberg grast, ein bißchen befremdlich: Das Hamburger Grindelhochhaus-Viertel. Unvorstellbar, daß dergleichen heute noch gebaut, geschweige geplant, nicht einmal mehr gedacht würde: in der (hier durch Bomben) niedergelegten dichten alten Stadt die aufgelockerte neue Stadt der Nachkriegsmoderne, so rigoros in ihrer Haltung wie die eisigen Visionen, die Hilbers Eimer und Le Corbusier in den zwanziger Jahren gezeichnet hatten.

Merkwürdig aber: Allem Befremden zum Trotz sind diese zwölf langgestreckten, schlanken, neun- bis vierzehnstöckigen, mit gelbem Backstein verkleideten parallelen Hochhausscheiben längst in den Stadtkörper eingewachsen. Mehr noch, sie werden von den Bewohnern seit je geliebt und sind, so wie Fritz Högers Chilehaus, zum Wahrzeichen der Hamburger Moderne geworden.

Man sieht sie, man erinnert sich – nur den Architekten kennt man nicht. Das liegt erstens daran, daß die englischen Besetzer und die Stadt gleich nach Kriegsende sieben (nazistisch unbefleckte) Architekten mit dem Entwurf beauftragt hatten, die unter sich den Primus wählten: Bernhard Hermkes. Und es liegt zweitens daran, daß der nie viel Wesens von sich gemacht hat – obwohl nicht wenige seiner Bauwerke, namentlich in Hamburg, es verdienten.

Da war der Philipsturm in Planten un Blomen, ein zu nichts anderem als zum nächtlichen Leuchten bestimmtes strenges Glasgedicht von 1953; da war, eben dort, das „Schildkröte“ genannte Tropenhaus derselben IGA 1953; da sind die originellen Pflanzenschauhäuser von 1963, bei denen der alte Gewächshaustyp umgekehrt worden ist, so daß das tragende Stahlgerüst mit seiner parallelographischen Geometrie außen, das Glas innen ist.

Natürlich muß man den Schalenbau für das Audimax der Universität mit seiner im Dunkeln aufblühenden Fassade nennen – und ganz besonders die Großmarkthalle. Sie ist mit ihren schwingenden Dächern eine konstruktiv gescheit, architektonisch phantasievoll gestaltete Komposition, die jedem, der mit dem Zug von Süden her in Hamburg einfährt, rechter Hand ins Auge fällt.

Bei den Bauten von Hermkes, der zuletzt ausgerechnet um die Großmarkthalle bangen mußte, weil das Projekt einer gewaltigen Mehrzweckhalle es fast verdrängt hätte, steht dieses markante Gebäude der Industriebaukunst ganz obenan, schon weil sich darin seine Haltung zu erkennen gibt. Es ist ihm um eine Architektur ohne Brimborium zu tun, nichts hinzugelogen, in allen Teilen klar, logisch, „ablesbar“ und sparsam im Gebrauch der Mittel. Alles ist von einer unaufdringlichen baumeisterlichen Selbstverständlichkeit und immer von einer gewissen herben Eleganz.

Das zeigte sich schon in seinen Zwanziger-Jahre-Bauten, die er – gleich nach dem Studium bei Theodor Fischer, Hans Poelzig und Paul Bonatz – unter Ernst Mays Leitung für das „Großneue Frankfurt“ entworfen hat, das galt auch für die drei markanten Industriebauten der dreißiger Jahre, merkwürdigerweise sogar für die Landhausgruppe in Hamburg-Flottbek aus den fünfziger Jahren. Alle Wesensmerkmale – die Implikation des Sozialen, die funktionale Ordnung, die gelassene, schöne Erscheinung – prägen diese Architektur, die noch unter Satteldächern von der alten Moderne durchdrungen ist. Das Motto fände man schon bei Otto Wagner: „Der Architekt hat immer aus der Konstruktion die Kunstform zu entwickeln.“

Architekten haben einen offenbar gesunden Beruf, der desto gesünder hält, je heftiger das Training im Umgang mit sperrigen Bauherrn, Behörden, Finanziers ist: Klenze wurde 80, Gropius 86, Nervi 88; Bernini brachte es auf 91, Wright auf 92, Bruno Paul auf 94 Jahre. Bernhard Hermkes wird am 30. März 90. Und wie es sich gehört, geht er immer noch in sein Büro. Manfred Sack