Von Katrin Weber-Klüver

Wenn ich in Florida bin und wir nach Disney gehen, wenn wir baden gehen und ich immer Eis kriege", dann hat Susanne alles, was das Urlaubsherz der Viertkläßlerin aus dem niedersächsischen Oldenburg begehrt. Nur auf familiäre Begleitung würde sie bisweilen gern verzichten, denn: "Dann kann meine Schwester mich nicht ärgern." Susannes Klassenkameradin Karin hingegen neigt – wenn es denn schon eine Fernreise sein soll – eher zu Hawaii, ungleich mehr aber würde sie sich über ein sehr persönliches Revival freuen: "Ich möchte gern noch mal nach Bayern auf den Campingplatz, wo ich letztes Jahr war, weil ich es witzig finde, wenn in der mal witternacht von unseren Nachbarn das Vorzeit wegfliegt."

Auf den ersten Blick eint diese beiden Visionen eines idealen Kinderurlaubs wenig, auf den zweiten allerdings findet sich die Verbindung dann doch. Für Kinder auf Reisen, so sagt Dr. Werner Müller vom Studienkreis für Tourismus (StfT), "ist Erlebnis der zentrale Begriff". Es ist mithin von nachrangiger Bedeutung, ob die Eltern sich mühsam ein pädagogisches Reisekonzept zurechtgebastelt haben oder in letzter Minute die Billigreise eines Pauschalanbieters buchen, ob die Reise in unberührte Natur, an die Costa Brava oder in einen Freizeitpark geht. Der mitreisende Nachwuchs urteilt streng nach der Maxime: "Hauptsache, es ist was los!"

Für die erwachsenen Beteiligten des Unternehmens Urlaub ist diese Haltung schwierig. Denn in den schönsten Wochen des Jahres, weiß Experte Müller, "gehen die Bedürfnisse von Erwachsenen und Kindern meilenweit auseinander". Der Abenteuerlust der Kinder steht in aller Regel das Erholungsbedürfnis der Erwachsenen schroff entgegen.

Man muß offenbar ein gewisses Alter erreicht haben, um für den Genuß eines Cocktails im Angesicht eines süßlichen Sonnenuntergangs über sanft wogendem Meer empfänglich zu sein. Jeder normale Zehnjährige aber hat nach ungefähr anderthalbminütigem andächtigen Schlürfen und Schweigen die Nase voll von der Kontemplation und beginnt entweder die Tischdekoration zu zerpulen oder mit vorgeschobener Unterlippe auf einen Szenenwechsel zu drängen: "Papa, mir ist so langweilig; Mama, können wir jetzt endlich gehen!"

Noch weniger als mit den Wünschen der Eltern sind reisende Kinder kompatibel mit den ökonomischen Kalkulationen derjenigen Reiseveranstalter, die das Massengeschäft im Visier haben. Das Kind als Kunde ist für diese Anbieter synonym mit dem Zwang zur Ermäßigung, ergo ist es unbeliebt. Dr. Frank Schmieder von der TUI macht aus dieser Haltung seines Konzerns keinen Hehl, schließlich ist "die TUI ein ertragsorientiertes Unternehmen und ohne pädagogische Ambitionen". Auf spezielle Angebote für Kinderreisen verachtet der Hannoveraner Tourismusgigant gänzlich. Offerten mit Ermäßigung für den Nachwuchs gibt es, wie bei der Konkurrenz auch, nur deshalb, weil "der Veranstalter aus Imagegründen nicht an der Familie vorbeikann".

Was das reisende Kind so unattraktiv macht, ist vor allem der Umstand, daß die Veranstalter die gewährten Rabatte bei der eigenen Akquisition von Flugplätzen nicht erhalten. Je mehr Kinder in der Hochsaison teuer eingekaufte Plätze in den Fliegern gen Süden besetzen, desto schlechter ist es für den Veranstalter. Kein Wunder also, daß viele Reiseprospekte der Großanbieter Kinder zwar als schmückende Strahlemännchen an sonnigen Stränden abbilden, in ihren Werbetexten aber über die Erwähnung des "Kinderpools" im Hotelkomplex kaum hinauskommen.