Der Galerist Lybke trägt Anzüge. Schwarze Anzüge. In Blue jeans steigt er auch für Amerika: nicht. Er zeigt sich und seine Künstler so wie in Leipzig. Er sitzt in New York am Broadway wie in Berlin in der Auguststraße. Geschäftig, geschäftlich und wie geschaffen für die Kunst, mit derselben Geld zu verdienen. Das hat er bewiesen: Präsent sein im richtigen Moment, Erfolge verarbeiten für die nächsten Erfolge, Pokern mit Umsicht und egal auf welchem Parkett, aber nie blind nach den Regeln, sondern nach seinem eigen + artigen Konzept, das schon in der DDR erprobt wurde. Und im Mistloch der Angepaßten zu ersaufen, hatte er nie vor. Wenn alle sagen: Geh jetzt nicht nach New York, das ist der helle Wahnsinn, läßt er die Vernünftigen im dunkeln stehen und geht. Aber auf seine Weise. Denn nur vier Monate lang gibt es eine Dependance der EIGEN + ART in N.Y., 578 Broadway. Lichtdurchflutete fünfhundertfünfzig Quadratmeter, elfter Stock, top floor. Keiner hat einen besseren Blick auf das neue Guggenheim-SoHo-Museum, keiner eine bessere Aussicht über das Künstlerviertel. Kein zweiter Galerist seiner Generation besitzt so viel Leichtigkeit, was nicht zu verwechseln ist mit Leichtsinn. Einfach mal die Nase in den Wind halten, einen Ausbruch aus der sicheren Burg riskieren. Warum nicht New York?

Die sichere Burg ist seine Leipziger Adresse und seine Biographie. Wenn er aus London, Lyon oder vom Lützowplatz in Westberlin käme, würde seine Viermonatsofferte für die amerikanischen Goldsuchersöhne nicht halb so interessant aussehen. Aber eine Privatgalerie aus East Germany? Crazy, wonderful, welcome. Was ein New Yorker Galerie-Besucher noch wissen muß, um diese neu installierte Adresse gebührend zu würdigen, notiert der Galerist auf schlichtes Papier in neosächsischer Bescheidenheit: Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren begann Gerd Harry Lybkes Privatgalerie zu existieren. Heute ist die einstige Hinterhofadresse EIGEN + ART auf internationalen Messen in Köln, Basel, Frankfurt und Paris dabei. Von Einladungen nach Tokio, Venedig und Sydney ist die Rede, von umfangreicher Editionsarbeit und einem Konzept temporärer Galerien, wie man sie schon in Paris und Berlin eröffnete. Punkt und Absatz. Wer solche Informationsblätter auslegt, weiß gar nicht, wie sich Larmoyanz schreibt.

Wenn einer noch Fragen hat – „You speak English? Ich spreche deutsch“ –, übersetzt die New Yorker Mitarbeiterin Christine Hill alles Weitere, im pragmatischen Duktus und mit pedantischer Gründlichkeit, genauso wie Lybke selbst seine Künstler vertritt. Rainer Görß, Jörg Herold, Kaeseberg, Uwe Kowski, Maix Mayer, die Brüder Nicolai, Cornelia Parker und Annelies Strba. Never change a winning team. Um das zu wissen, mußte der Leipziger nicht erst nach Amerika kommen. Aber er braucht den Erfolg im Westen, um im Osten zu überleben. Wieviel Westen die Künstler für ihre Kunst brauchen, gehört auf ein anderes Blatt. „Ich weiß nur, ich bin das, was ich bin, nur durch die Kunst, die ich vertrete.“ Das klingt ernst gemeint. Auch wenn es zuweilen so aussieht, als ob die Erfolgsgeschichte des Ostgaleristen Gerd Harry Lybke eher dem amerikanischen Geschmack entspricht als die von ihm gezeigte Kunst.

Kaeseberg, Olaf Nicolai und Cornelia Parker sind jetzt in der ersten Ausstellung zu sehen. Zottlige Kreise, gefräßige Zeichen und Zähne auf den Bildern von Kaeseberg, Wort-Türme von Nicolai d.Ä. oder die silbrig schimmernde Schwebe-Installation der Cornelia Parker treffen nicht den sozial bemühten Trend der amerikanischen Gegenwartskunst. Das konnten sich die Leipziger bei einem Besuch der derzeit laufenden Biennale im Whitney Museum of American Art vor Augen halten. Verstört hat es sie nicht. Plakative Standortvergleiche sind nicht ihr Problem. Aktualität auch nicht. Aber wer sich mit der EIGEN + ART einläßt, weiß seine Eigenarten schon zu wahren. Das hat vordergründig nichts mit geographischen Koordinaten zu tun, mit sächsischem Urgestein oder ostdeutschem Mutterland. Vielleicht aber etwas mit Eigen-Wert. Und der hat seinen Preis. „Ich mache keine Unterschiede. Wieviel ein Bild kostet, ist nur eine Frage der Umrechnung von D-Mark in Dollar.“

Die Geschäfte lassen sich auch am Broadway gut an. Schon in den ersten Tagen gab es zahlende Kunden, Privatsammler und Museumsleute haben sich angesagt. Obwohl in der letzten Saison selbst hier in SoHo siebzig Galerieadressen verschwanden, ficht das die ostdeutsche Galerievorhut nicht an. Lybkes Anzug paßt. Sein bester ist maßgeschneidert wie das Risiko, das er auf sich nimmt in New York. Der helle Wahnsinn, das stimmt einfach nicht. Thea Herold