Von Marion Gräfin Dönhoff

Christabel Bielenbergs erstes Buch "Als ich Deutsche war" schließt mit dem letzten Tag des Zweiten Weltkrieges. Sie – eine gebürtige Engländerin verheiratet mit dem Hamburger Peter Bielenberg, hat mit drei kleinen Kindern die Kriegsjahre in Deutschland zugebracht: der Mann auf dieser Seite, die Brüder auf jener Seite der Front und über ihrem. Haupt die Nazis, die nach dem 20. Juli 1944 ihre Freunde ermordet und ihren Mann ins KZ verbannt hatten.

Der erste Satz des neuen Buches lautet: "Am 20. April 45 feierte Hitler seinen 56. Geburtstag, zehn Tage später war er tot." Den zweiten Satz muß man im englischen Originalton wiedergeben, weil der Duktus typisch für das ganze Buch ist: "The news reached us as we sat around the Stove in the Gute Stube of the Gasthaus Adler, listening to the wireless which was our only remaining link with the outside world." Dort, im Gasthaus "Adler", bei Frau Mückle, umgeben von Schwarzwälder Bauern, hatten die Bielenbergs während der letzten zwei Jahre Zuflucht vor den Bombenangriffen in Berlin gefunden.

So oft hatte das Radio Lügen verbreitet, aber diesmal glaubte ihm jedermann. Na ja, nun war der also tot, dachte erleichtert die Autorin und beschreibt dann den Einzug der Befreier, ein Regiment französischer Pioniere: "Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, begnügten sich aber damit, in halsbrecherischem Tempo durch das Dorf zu rattern und allen, die sich nicht schnell genug in Straßengräben oder Türeingängen in Sicherheit brachten, sale boche nachzuschreien."

Dieser Gruppe, so berichtet die Autorin weiter, folgten Spahis und dann Ghoumiers. "Die Spahis entpuppten sich als bärtige Marockaner mit weißen Turbanen und wehenden Burnussen, die am eindrucksvollsten aussahen, wenn sie auf ihren Araberpferden saßen. Wenn es Nacht wurde, durchstreiften sie jedoch die Gegend zu Fuß, auf der Suche nach Nahrung und – vor allem – nach Frauen. Ihr Hauptinteresse galt eindeutig Frauen, aber danach kamen gleich Hühner und Schweine."

Die Engländerin Burton, wie sie vor der Ehe mit Bielenberg hieß, war enttäuscht über die Befreiung, aber Furcht und Schrecken, die sich im Tal ausbreiteten, brachten sie auf den guten Gedanken, ihre Zugehörigkeit zu den britischen Siegern sichtbar zu dokumentieren. Sie verfertigte einen Union Jack, der, auf einen Karton geklebt, an der Haustür befestigt wurde und der in den Augen der Bevölkerung das Gasthaus "Adler" zu einer Art britischer Dienststelle werden ließ. Von nun an stand die Tür nicht still: Immer neue Hilfesuchende fragten nach ihr. Frau Doktor half, so gut sie konnte, radelte mit dem einzigen im Dorf noch verbliebenen Fahrrad zu den französischen Kommandostellen, zuweilen mit Erfolg, manchmal ganz ohne. Immerhin ergatterte sie beim zuständigen Kommandanten ein Papier, das ihr die Genehmigung erteilte, sich frei zu bewegen.

Alarmiert wurde das ganze Dorf, als ein junges Bauernmädchen, dessen Aufgabe es war, die Post auszutragen, an der Straße liegend aufgefunden wurde: Sie war mehrfach vergewaltigt worden. Das blieb keine Ausnahme. Unter dem Eindruck solcher Vorfälle erlitt Chris Bielenberg, was sie selbst einen schweren Anfall von "galoppierendem Chauvinismus" nennt: "Ich merkte, daß ich jeden Tag britischer wurde, auf wilde, kompromißlose, altmodische Weise britisch." Sie kümmert sich um Leute, die fälschlicherweise als Kriegsverbrecher verhaftet und in Lager gesteckt worden sind. So gelingt es ihr, Gerhard Graf Schwerin, der viel für den Widerstand geleistet hatte, im Lager Dachau kurz zu sehen und seine Befreiung zu erwirken.