Von Heinz Blüthmann

Die Überraschung ist gelungen. Mit dem dritten Mann hatte niemand gerechnet – schon gar nicht jetzt. Bernd Pischetsrieder, der am 13. Mai den Vorstandsvorsitz bei BMW in München übernimmt, macht das neue Spitzentrio der deutschen Automobilindustrie komplett. Der mit 45 Jahren Jüngste kommt als letzter: Auf der schwierigen Tour durch die Rezession sind zum Jahresbeginn bereits Helmut Werner (56) bei Mercedes-Benz und Ferdinand Piëch (55) bei Volkswagen ans Steuer vorgerückt. Aber Pischetsrieder muß nicht hinterherfahren – im Gegenteil.

Obwohl die wirtschaftliche Flaute auch der weißblauen Marke zu schaffen macht, stand BMW nie besser da, ganz besonders im Vergleich zu Mercedes und VW. Kurzarbeit über Monate und hohe Verluste im reinen Autogeschäft wie bei den Konkurrenten sind im Münchner Vierzylinder-Hochhaus kein Thema. Der neue BMW-Chef kann sich beim Vorgänger nicht beklagen. "Ich gehe davon aus, daß wir im Augenblick das einzige Automobilunternehmen in Europa sind, das im operativen Bereich in schwarzen Zahlen arbeitet", ließ sich kürzlich stolz der Noch-Chef Eberhard von Kuenheim vernehmen, der seit 23 Jahren an der BMW-Spitze steht.

Die Bilanz von Kuenheims, des dienstältesten Autobosses weltweit, glänzt. Erstmals seit dem Krieg wurde Erzrivale Mercedes überholt und abgehängt. Knapp 600 000 Personenwagen liefen 1992 von den Bändern und wurden auch verkauft – mehr als jemals zuvor. Mercedes hatte in den achtziger Jahren mit bis zu 140 000 Autos vorn gelegen; im vergangenen Jahr mußten die Stuttgarter die Produktion mangels Nachfrage auf unter 530 000 Pkw herunterfahren.

Pischetsrieder kann deshalb auf hinzugewonnenen Marktanteilen aufbauen. Sie stiegen in Deutschland ebenso wie in allen wichtigen Exportländern mit der Ausnahme von Japan. Die Aussichten für dieses Jahr sind denn auch keineswegs finster. Dank des relativ jungen Modellprogramms, das die Münchner immer wieder geschickt mit Varianten aktualisieren, können wahrscheinlich um die 550 000 Autos verkauft werden – und das würde keine Kurzarbeit erfordern. Eine gerade erschienene Branchenanalyse der Hamburger SMH-Bank attestiert den Münchnern Beruhigendes: "Von den deutschen Herstellern kann BMW derzeit mit neunzig Prozent Kapazitätsauslastung die Spitzenposition einnehmen." Das frisch erworbene Marktführerimage wird helfen, diese Stellung zu verteidigen.

Die Fachpresse bescheinigt BMW ganz eindeutig, bei der Modellpolitik die glücklichere Hand gehabt zu haben – und das kann als wichtigstes Aktivum gelten für eine unfallfreie Fahrt durch die Rezession. "Die Gretchenfrage, ob ein BMW besser als ein Mercedes ist, läßt sich weder mit Ja noch mit Nein beantworten", meint etwa Gert Hack von auto, motor und sport. "Aber es gibt Hinweise, daß BMW mit ihren Modellen näher am Kunden operierten und flexibler reagieren." Hack weiter: "Möglicherweise rächt sich jetzt der Umstand, daß dem ältesten Automobilhersteller der Welt das wichtigste Ressort, nämlich die Pkw-Entwicklung, seit Mitte 1989 keinen vollwertigen Vorstandsposten mehr wert war."

Günter Wiechmann von der Auto Zeitung sieht es ähnlich: "Personalumschichtungen und -probleme sind bei Mercedes das Thema Nummer eins. In München wird lieber über Modelle und Technik geredet." Sein Resümee: "BMW steht in der Tat glänzend da. Während der 190er von Mercedes dahinkränkelt, fuhr der Dreier von BMW mitten ins Herz der Kunden. In der Autohitliste übertreffen ihn nur noch Golf, Astra und Passat" (siehe Autoseller).