Zuerst verrät er nur die Tricks. Wie man Leichen beschwert, damit sie sinken. Warum er sich zum Monatsbeginn einen Briefträger gönnt und warum er nie zweimal auf die gleiche Art mordet. Eine Oma erschreckt er einfach zu Tode, das spart eine Kugel. Das Filmteam dokumentiert: Alltag eines Massenmörders.

Dann stört ihn der Scheinwerfer, das Licht blendet beim Töten. Bei einer Verfolgungsjagd dient der Zoom zur Lokalisierung des Opfers, zwei Tonmänner müssen im Zuge der Arbeit ihr Leben lassen. Berufsrisiko, sagt der Kollege und trauert vor der Kamera. Als den Dokumentaristen das Geld ausgeht, verspricht der Mörder die Finanzierung aus den erbeuteten Geldbörsen. Schließlich bittet er den Kameramann: „Du könntest auch helfen, statt immer nur zu filmen.“ Zuletzt schießt das Team keine Bilder mehr, sondern Menschen.

„Mann beißt Hund“ erzählt die Geschichte einer Komplizenschaft. Filmemacher sind Täter. Wer Bilder einfängt, tut dem, was er abbildet, Gewalt an, und wer sie sehen will, hat unweigerlich teil daran. Es gibt kein unschuldiges Bild.

Die belgischen Filmemacher Benoit Poelvoorde, André Bonzel und Rémy Belvaux spielen selbst die Hauptrollen, den Mörder, den Kameramann und den Regisseur. „Mann beißt Hund“ ist als Dokumentarfilm getarnte fiction: Bens Familie (die Familie des Hauptdarstellers) erinnert sich, der Junge sei ein fröhliches Kind gewesen, die Großmutter schäkert mit dem Opa, Ben philosophiert über die Ästhetik von Neubausiedlungen und das Liebesleben der Tauben, verrät das Rezept für seinen Lieblingscocktail, dichtet Verse auf das Meer und den Herbst. Ein netter Junge von nebenan, gebildet, redegewandt, warmherzig: kein Psychopath wie Henry in John McNaughtons „Portrait of a Serial Killer“. „Mann beißt Hund“ bildet zu Henry so etwas wie den ästhetischen und ethischen Kommentar. Eine Selbstkritik, sagt Regisseur R6my Belvaux, eine Kritik an den falschen Reportagen und an der Manipulation, die jedem Bild innewohnt. Jede Darstellung setzt eine Entstellung voraus. Kein Film über die Gewalt, sondern über das Paradox, daß das Kino das Furchtbare schön macht, und über den Voyeurismus, der nach Bildern vom Töten giert, aber nur die auf harmlos frisierte Version erträgt. In „Mann beißt Hund“ kann man sehen, wie das Kino dem Tod den Stachel zieht.

Vielleicht ist der Film deshalb mit der Leichtigkeit einer Komödie inszeniert. Die Komik entspringt der Kameraperspektive, die der einzige Standpunkt bleibt. Sie behauptet, die Wahrheit zu zeigen und nichts als die Wahrheit, dabei ist alles gestellt. Bens Eltern wußten nicht, daß ihr Sohn einen Mörder spielt. Man lacht über sein eigenes blindes Vertrauen, mit dem man der Lüge des Reality-TV auf den Leim geht.

Der Kriegsreporter in Sarajevo hält die Kamera auf die Verletzten; so hat er keine Hand frei, um die Wunden zu verbinden. Filmen ist unterlassene Hilfeleistung. Billiger sind Bilder von der Gewalt und vom Tod nicht zu haben. Dem Showdown von „Mann beißt Hund“ fällt auch das Kamerateam zum Opfer. Das Ende: ein Filmriß. Nur der Zuschauer überlebt garantiert. Christiane Peitz