Am Rio de la Plata tanzten Zuhälter den Tango, in Deutschland sind es Programmierer. Der Tango war wild, leidenschaftlich und erotisch, als er Ende des vorigen Jahrhunderts in den Vorstädten von Montevideo und Buenos Aires entstand. Die deutschen Helden des Tangos denken kühl, handeln systematisch, lieben die Logik. Computerspezialisten gehören hierzulande zu den leidenschaftlichsten Tangotänzern. Mit deutscher Gründlichkeit erobern sie das Parkett.

Seit Juan-Dietrich Lange, ein Deutsch-Uruguayaner, vor elf Jahren in Berlin die erste Schule eröffnete, breitet sich das Tangofieber unaufhaltsam aus. Frankfurt, Stuttgart, München, Göttingen, Kiel und Nürnberg... In Westerburg im Westerwald meldeten sich sechs Paare zum Workshop in der Turnhalle. Das Land des preußischen Paradeschritts hat weltweit die meisten Tangotänzer außerhalb von Uruguay und Argentinien.

Sie treffen sich in den Zentren der alternativen Szene. Montag abends bringen sie ungewohntes Flair in das Frankfurter Ökobürohaus. Während die letzten langhaarigen Linken um Jutta Ditfurth nebenan bis tief in die Nacht Strategien schmieden, bewegen sich im Veranstaltungssaal elegant gekleidete 30- bis 45jährige über das Parkett. Männer in Bügelfaltenhosen und Frauen in Miniröcken, die zeigen, was sie noch knapp verhüllen. Es tanzt die 68er-Generation. Doch Sozialpädagogen und Politologen sind unterrepräsentiert. Dem Tango verfallen außer Programmierern vor allem Naturwissenschaftler, Juristen und Architekten.

Die deutschen Aficionados sind Meister des Abstrakten. Bei Tage konzipieren sie Studien zur Festkörperphysik oder analysieren juristische Probleme. Sie tüfteln aus, wie sich Lastwagen auf der günstigsten Route durch Deutschland bewegen können, und spüren Fehler in den Datenbanken von Versicherungskonzernen auf. Der Tango scheint Analytiker magisch anzuziehen.

Die Liebe des Programmierers zum Tango ist kein Zufall. Schon der Grundschritt hat spiegelbildliche Logik: ein Dreieck zu Beginn, drei Zwischenschritte und ein Dreieck zum Abschluß. Die Kombinationen, die aus diesem Grundschritt heraus getanzt werden können, sind so vielfältig wie die Verzweigungen eines Computerprogramms. Die Bits des Tangos sind die möglichen Varianten bei jedem Schritt: Der Mann kann zum Beispiel mit dem rechten oder linken Fuß gehen und ihn innen oder außen an den Fuß der Frau setzen. Hinzu kommen Drehungen, die Bewegung vorwärts oder rückwärts und Verzierungen wie "Haken" oder "Bleistift".

Mit diesen Elementen lassen sich unendlich viele Variationen bilden. Sie geben dem Tango etwas Unberechenbares. Jeder Schritt bedeutet Entscheidung. Kein Tango ist dem anderen gleich. Die Tänzer können zwar Figuren wie "Fächer", "Halbmond" oder "Fahrstuhl" einüben, doch keine Schrittfolge muß zu Ende getanzt werden. Innehalten, Abbrechen und Neuansetzen sind jederzeit möglich. Um den Überblick zu bewahren, bedarf es strategischer Fähigkeiten. Mancher Tango-Informatiker hilft sich, indem er wichtige Schrittkombinationen in seinem Computer speichert.