Als die bürokratischen Hindernisse die geplante Reise des Kamerateams nach Kasalinsk wieder einmal als undurchführbar erscheinen lassen, sagt in einem Verzweiflungsanfall der amtlich bestellte Begleiter der Autorin Helga Schütz: „Den Aralsee gibt es gar nicht.“

Die in Potsdam lebende Schriftstellerin besuchte im Sommer 1991 die Schauplätze eines geplanten Kinofilms über das Schicksal eines deutschen Schauspielstudenten im Moskau der dreißiger Jahre, 1938 verhaftet und nach acht Jahren Lagerhaft nach Kasalinsk verbannt. Der Reise, die den Spuren einer wahren Biographie folgte, lagen die Erinnerungen des Schauspielers Helmut Damerius zugrunde. Tagebuch und Filmexposé sind nun auch als Buch verfügbar: Heimat süße Heimat. Zeit-Rechnungen in Kasachstan. Tagebuch (Aufbau-Verlag, Berlin 1992; 24,80 DM)

Die detaillierten und gleichermaßen entsetzten wie liebevollen Beschreibungen des Alltags in Kasachstan prädestinieren den Band zur informativen Reiselektüre. Der Nachvollzug der oft labyrinthisch anmutenden Route wird allerdings durch fehlendes Kartenmaterial erschwert.

„Ich suche Kasalinsk, die Kasalinsker. Wolga-Deutsche, Krim-Deutsche, Kirgisen, Kasachen. Solshenizyn schrieb jüngst, Kasachstan sei bewohnt von Russen, Lagerhäftlingen und verbannten Völkern.“ Damit sind die thematischen Schwerpunkte des Buches benannt, und der Klappentext bringt die reiche Vielfalt an Anekdoten, Erfahrungen und Seheindrücken auf den Punkt: „Gehen oder bleiben sind Existenzfragen für die Kasachen im Katastrophengebiet am Aralsee wie für die Deutschen in Alma-Ata.“ Weder die ökologischen Schäden in der „zellophanflirrenden Steppe“ der einstigen Fischerdörfer um den austrocknenden Aralsee oder in der Gegend des früheren Atomwaffentestgebiets um Semipalatinsk noch deren gesundheitsbedrohende Folgen, die Helga Schütz eindrucksvoll in Kinderheimen und Hospitälern nahegebracht werden, bewegen die Kasachen zum Verlassen ihrer Heimat: „Ein Mensch muß dort begraben werden, wo er geboren wurde, dort wo seine Vorväter unter der Erde liegen“, lautet die religiös gefärbte Begründung, die auch der „in Schlesien getauften, sächsisch kultivierten Brandenburgerin“ einleuchtet.

In der Nähe der Hauptstadt Alma-Ata sitzen dagegen Menschen auf gepackten Koffern und erwarten sehnlichst ihr Ausreisevisum nach Deutschland. Die Beschreibung der rußlanddeutschen, dörflichen Lebensverhältnisse, denen Helga Schütz als Begleiterin einer Gastspielreise des Deutschen Theaters von Alma-Ata als aufmerksame Beobachterin auch kleinster Details nachgeht, gehört zu den stärksten Passagen des Buches. Der Autorin tiefgründige Trauer über die Aufgabe dieser materiell gar nicht so schlecht anmutenden Existenz verwandelt sich jedoch nie in arrogantes Besserwissen über die Differenz von Erwartungen und Tatsachen angesichts des zukünftigen Lebens in Deutschland.

Cornelia Berens