Frankfurt stickt“ (die Germanistik beharrt auf dieser Schreibung) „voller Merkwürdigkeiten“, sagte Goethe. Zu den neueren Merkwürdigkeiten zählt, daß die Stadt einem linken Feuchtbiotop gleicht, worin es die schmalen Pflänzchen von 1968 zu prächtiger Entfaltung gebracht haben. Zu ihnen zählen nicht nur grüne Stadtdezernenten wie der ewige und ewig aufgeregt-aufregende Daniel Cohn-Bendit, sondern auch Restaurantbesitzer, Varieté-Betreiber, Cellisten, Politologen, Zauberer, Verleger, Immobilienmakler und, im weiteren Erfolgskreis, auch stellvertretende Ministerpräsidenten wie, sagen wir, Joseph (die FAZ beharrt auf dieser Schreibung) Fischer.

Insofern erklärt es sich, daß die Bemoostheit vieler dieser Häupter für die jüngere Generation in Frankfurt kein Problem zu sein scheint. Wem das nostalgische Weißt-du-noch-Damals auf den Geist geht, der erfreut sich am musikalischen Witz des Frankfurter Kurorchesters und seines Chefs Frank Wolf, der 1968, etwas schlanker als heute, die Studenten gegen die Notstandsgesetze mobilisierte, und wem die Theoriedebatte allzu geläufig ist, der geht in Johnny Klinkes „Tigerpalast“.

Frankfurt, du hast es besser (Goethe). Das dachte sich wohl auch das Presse- und Informationsamt der Stadt und veranstaltete eine Tagung „Frankfurt 1968 – 25 Jahre danach“, die ungefähr so ablief wie oben, mit Cello und ohne Zauber. Von auswärts waren Peter Schneider, Oskar Negt, Kurt Sontheimer und Alexander Gauland gekommen, wobei Sontheimer, gewissermaßen in alter Frische, den Buhmann von damals genußvoll zur Wiederaufführung brachte. Es war alles in allem ein Revival-Konzert mit sentimentalen und humoristischen Einlagen, und Cohn-Bendit, die prästabilierte Harmlosigkeit ahnend, sagte vorab, er sehe gar nicht ein, weshalb die Achtundsechziger kein Klassentreffen machen dürften.

Dürfen sie. Allerdings hat der rauhe Wind der gegenwärtigen Trostlosigkeiten das Frankfurter Biotop offenbar noch nicht erreicht. Zwar: Als die Revue der Erinnerungen Vietnam erreichte, da kriegte Cohn-Bendit plötzlich den Moralischen und plädierte für Einmarsch in Bosnien (aber nicht wirklich), während Fischer die weinenden Mütter fallen werdender deutscher Soldaten beweinte (aber nicht wirklich). Der Zauber von 68, nämlich auf alle dringenden Fragen, von der Windel bis zur Weltrevolution, Antwort zu wissen, ist eh längst vorbei, aber der Fall Jugoslawien bedeutet die intellektuelle Destruktion eines ganzen Weltbildes, an das sich die Linke immer noch klammert. Sie reitet den Tiger nicht mehr.

Damit es wieder funktioniere, ist der Rechtsradikalismus fast ein willkommener Feind, spricht man schon bebend vom „Kulturkampf“, nur weil ein paar abrechnungssüchtige Konservative gesagt haben, die Achtundsechziger hätten jenen Autoritätsverfall eingeleitet, der sich jetzt in den Ausländerpogromen manifestiere. Darüber kann man ja streiten, aber das ist noch kein Kulturkampf.

Dem wäre entgegenzuhalten, daß den Achtundsechzigern der glückliche Zufall widerfuhr, nicht nur einen „Generationszusammenhang“ zu bilden (um in den Begriffen Karl Mannheims zu sprechen), sondern einen die Bundesrepublik verändernden „Generationsstil“, eine „Generationsentelechie“, von der auch die biologisch ältere und die jüngere Generation erfaßt wurde. Was 1968 geschah, war die längst fällige Modernisierung, die Vorbereitung auf den postmodernen Kapitalist mus. Die Achtundsechziger waren eher Objekt dieses Prozesses denn Subjekt. Daß dies 25 Jahre zurückliegt, ist Anlaß weder zum Jubel noch zur Trauer, weil leider Härteres auf der Tagesordnung steht.

Zufall ist kein Verdienst. Ein Verdienst wäre es, nicht jede Jahreszahl, die durch fünf teilbar ist, zum Anlaß der Selbstfeier zu nehmen, sondern darüber nachzudenken, wie man in Würde alt wird. Ulrich Greiner