Von Sabine Etzold

Im wievielten Semester sie ist, vermag Susanne Wagner nicht genau zu sagen – irgendwo zwischen dem fünfzehnten und dem achtzehnten. Sie studiert Physik und hat außerdem seit zwei Jahren eine Hilfskraftstelle am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Die knapp 1200 Mark netto, die sie in 80 Monatsstunden dort verdient, müssen für die Wohnung in Bremen reichen, die rund 550 Mark kostet, und für das Auto, mit dem sie jeden Tag nach Bremerhaven ins Institut fährt. Während des ganzen Studiums hat sie gejobbt, denn Bafög oder Geld von zu Hause bekommt sie nicht. Ob die Jobberei ihre Studienzeit verlängert hat? „Ja, sicher. Aber das ist auch eine Organisationsfrage. Man muß sich die Zeit eben genau einteilen.“

Bislang ging man davon aus, daß viele Studenten während des Studiums jobben. Nach Schätzungen von 1991 taten dies etwa die Hälfte, längst nicht mehr nur in Ferienjobs, sondern oft in Dauerbeschäftigungen. Mitunter wird nicht mehr während des Studiums gearbeitet, sondern umgekehrt während des Berufs studiert. Diese Tatsache wird immer wieder als eine der Hauptursachen für die steigende Studiendauer genannt. Seit einiger Zeit wird gar offen debattiert, ob wir uns nicht verabschieden sollen von der herkömmlichen Einteilung in „normale“ Kurzzeitstudenten, die „KZS“, und die „LZS“, die Langzeitstudenten mit dem Stigma der Bummelei. Wäre statt dessen, fragen sich die Experten, eine Einteilung in Vollzeit- und Teilzeitstudenten sinnvoller? Und wäre es nicht angebracht, Studiengänge einzurichten, die eine solche Zweigleisigkeit von Beruf und Studium möglich machen, wie sie jetzt schon der Wissenschaftsrat in seinen Thesen zur Hochschulpolitik für die Fachhochschulen empfiehlt?

Vielleicht ist Markus Bergner, BWL-Student in Köln, ein potentieller Abnehmer für ein solches Angebot. Er bekommt vom Vater knapp tausend Mark monatlich und verdient in guten Zeiten und in guten Jobs noch mal doppelt soviel dazu – wovon der Vater nichts ahnt. Er braucht viel Geld, mal für einen Trip mit dem Hockeyklub nach Hongkong, mal für ein Motorrad oder die Autoreparatur. Die 600-Mark-Wohnung teilt er sich mit seiner berufstätigen Freundin; als er kürzlich sein schriftliches Examen gemacht hatte – im vierzehnten Semester –, trat er am nächsten Morgen nach durchfeierten Nacht einen neuen Job an. Einfach nur zu studieren, das reicht ihm nicht. „Da müssen auch noch Zeit und Geld für was anderes bleiben.“

So wie er denken heute die meisten Studenten, könnte man meinen. Doch ihre Zahl wird gründlich überschätzt. Eine in diesen Tagen vom Hannoveraner Hochschul-Informations-System (HIS) veröffentlichte Untersuchung mit dem Titel „Studentische Zeitbudgets – empirische Ergebnisse zur Diskussion über Aspekte des Teilzeitstudiums“ hält eine Überraschung bereit: Der weitaus größte Teil aller Studenten, nämlich 73,5 Prozent, widmet sich ausschließlich dem Studium – ohne oder mit nur minimalem Aufwand für Nebenjobs. Dagegen sind nur gut 14 Prozent Teilzeitstudenten. Das waren 1991 insgesamt 194 600 Personen (siehe Graphik links). Dabei legen die HlS-Wissenschaftler ein Vollzeitstudium zugrunde, das gemäß der „anerkannten gesellschaftlichen Arbeitsnormen“ 40 Wochenstunden „studienbezogener Aktivitäten“ umfaßt, etwa den Besuch von Lehrveranstaltungen und das Selbststudium. Teilzeitstudent ist demgegenüber, wer höchstens 25 und mindestens 15 Wochenstunden für Studienaktivitäten aufbringt.

Den Wissenschaftlern ist durchaus bewußt, daß dieses Ergebnis das langgehegte Vorurteil vom Langzeitstudenten, der um seinen Lebensunterhalt schuftet, einreißt: „Die Realität an den Hochschulen deutet nicht auf eine mechanistische Gesetzmäßigkeit in der Weise hin, daß sich ab einem bestimmten zeitlichen Aufwand für Erwerbsarbeit das Studium auf eine Teilzeitbeschäftigung reduziert.“

Um der Hochschulwirklichkeit näherzukommen, wurden die Voll- und Teilzeitstudenten noch einer weiteren statistischen Aufteilung unterzogen. Unter den 73,5 Prozent voll Studierenden sind 60,9 Prozent „mit hoher Lehrnachfrage“, was einem wöchentlichen Zeitaufwand für Lehrveranstaltungen von mehr als 13 Stunden entspricht. Nur etwa jeder achte bleibt unter dieser Marke. Immerhin 12,1 Prozent der Vollzeitstudierenden jobben noch neben dem Studium mit großem Zeitaufwand.