Im „Land der Times und Land der Großen Charte“, wie Theodor Fontane es nannte, gibt es eine neue literarische Auszeichnung. Den David-Cohen-Preis erhielt – beim Booker-Preis ist dies beinahe die Regel geworden – ein außerhalb Englands geborener Autor, V. S. Naipaul. Der englische Roman erlebt durch die „Kolonialschriftsteller“ eine Wiedergeburt – und die Engländer freuen sich darüber. England ist eben doch ein „Erbweisheitsland“ geblieben.

Aber auch die Weisheit hat ihre Grenzen. Dies ist – aus englischen Zeitungen kompiliert – der Bericht von einer verlorenen Schlacht:

„Nach Hause – nur schnell nach Hause! Jeder von uns dachte ohne Unterlaß daran. Auf Seiten des Gegners schlugen sich vor allem die Jungen und die Kräftigen, und dazu kämpften sie auf eigenem Boden. Für uns dagegen war die Heimat fern und beinahe unerreichbar: Home, Sweet Home!

Im Anblick der Fremde kam es wie eine Lähmung über uns: Alle Schreckensahnungen schienen wahr zu werden. Es war die Hölle – vom unerträglichen Klima über die unendlichen Entfernungen bis hin zur ungewohnten Küche, die unsere Mägen umdrehte. In früheren Zeiten war alles ganz einfach: Man kam, um zu siegen – im Felde, aber nicht nur dort. Hatte man ein paar Stunden frei, ruhte man nicht etwa aus, sondern ging auf die Tigerjagd. Jetzt zeigen sich die fatalen Folgen unserer Verweichlichung. Wer im Hotel statt im Dschungel lebt – wie soll der bestehen? Unser Stolz ist dahin. Indien triumphiert.“

In diesem Bericht ist nicht von Krieg oder von Politik die Rede, sondern von einer für die Engländer weitaus wichtigeren Sache. Es ist die Rede von einem Spiel: Kricket. Ende Februar verlor England die sogenannten Testmatches in Indien – und das Mutterland des Krickets verlor sie haushoch. Die englische Nation versank in Selbstanklage und tiefe Trauer.

Die englischen Zeitungen berichteten über die Katastrophe in Artikeln, die sich jeweils durch ihre typographische Auszeichnung und Anordnung deutlich voneinander unterschieden. Mitten auf der Seite wurde nüchtern der Verlauf des Spiels beschrieben. Ihn umrahmten zwei Kommentare: Der eine beklagte die Schande Englands, der andere bestaunte Indiens Triumph.

Die zwei Kommentare nahmen aufeinander keinen Bezug. Es schien, als ob Indiens Aufstieg und Englands Fall nichts miteinander zu tun hätten, als ob man nicht in ein und derselben Sprache darüber reden könne. Für den Triumph der Inder waren diese am wenigsten verantwortlich. Sie gewannen, weil sie in der Heimat spielten. Ihre Kompetenz war erborgt Die Inder siegten nicht als Inder, sondern als die besseren Engländer. An diesem Kricketmatch zeigte sich die Dialektik der Kolonisierung: Der Unterdrückte hatte vom Unterdrücker so viel gelernt, daß er nun in der Lage war, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.