Aufgerufen wird der Flug 682. Ein letzter Stoßseufzer. Unser Handgepäck, heißgeliebt, aber sperrig, ist achtzig Zentimeter lang, achtzehn Monate alt und hört – gelegentlich – auf den Namen Moritz. Wer immer den Satz „Der Weg ist das Ziel“ für weise hielt: Er wußte nicht, wovon er sprach. Wahr ist: Der Weg ist eine Katastrophe – wenn man mit einem renitenten Baby unterwegs ist.

Wir, das sind drei Reisende mit zwei Sitzplätzen. Fluggesellschaften gilt Moritz als „Infant“ ohne Sitzplatzanspruch. Daß wir als Reisende mit Kind als erste in den Jumbo nach Kanada einsteigen dürfen, ist das letzte Privileg, das wir für die nächsten zehn Stunden genießen. Wir schlagen auf den Plätzen 37F und 37G unser Camp auf.

Eine Stunde nach dem Start – die Passagiere am Fenster genießen wahrscheinlich gerade einen beneidenswerten Ausblick auf die schottischen Highlands – wird es Moritz in seiner Parklücke zwischen den elterlichen Beinen und der Wand vor uns zu eng. Wir unternehmen die erste Exkursion durch die Gänge dieses sogenannten Großraumflugzeugs. Moritz ist begeistert, die entgegenkommenden Stewardessen weniger. Die Rückkehr zu unserem Platz quittiert er mit einem Tobsuchtsanfall.

Nach zwei Stunden wird es ernst. Mittagessen. Auf einem halben Quadratmeter wollen drei hungrige Reisende satt werden. Das Kind nutzt die ungewohnte Nähe zu den Futternäpfen und greift nach allem, was ihm appetitlich erscheint. Den Großteil der Beute wirft er nach dem ersten Bissen beleidigt fort. Auf dem Fußboden sammeln sich seine Eßproben.

Wir sind nicht zum Spaß unterwegs. Berufliche Ambitionen verschlugen uns an die kanadische Pazifikküste, und unseren anfangs sechs Monate alten Moritz mit uns. Von Fernweh spüren wir nichts mehr. Borkum oder Berchtesgaden erscheinen uns als Traumziele. Unser Plan, ein familiäres Stilleben beim Atlantikflug zu filmen, ist Utopie geblieben. Weder Vater noch Mutter hatten während der zehn Stunden je eine Hand frei.

Nach drei Stunden – Island liegt schon hinter uns – sinkt Moritz’ Laune bedenklich, nachdem alle seine Spielzeugautos zwischen den Sitzreihen hinter und neben uns verschwunden sind. Olga, eine rosa Stoffpinguinin, zeigt er empört die kalte Schulter: Verzweiflung bei den Eltern.

Nach vier Stunden – über Grönland – schlafen oder dösen drei Viertel der Passagiere. Moritz ist hellwach, turnt auf den Sitzen herum und versucht, die Reisenden in der Reihe hinter uns zu wecken. Wir entschuldigen uns mehrsprachig und gehen wieder auf Wanderschaft. Entdeckt wird jetzt die Treppe, die ins Obergeschoß zur Businessclass führt. Die nächste halbe Stunde ist gerettet. Er turnt auf allen Vieren treppauf und treppab. Eine Stewardeß guckt genervt.