Noch immer – und gerade jetzt wieder zum 50. Jahrestag der Kapitulation von Stalingrad – liegen in den Buchhandlungen ganze Stapel jener Bilderbücher des ehemaligen SS-Obersturmbannführers Paul Karl Schmidt, der sich Paul Carell nennt, dicke Photoalben, in denen uns der Rußlandkrieg als ein großes Abenteuer beschrieben wird, hart und grausam, aber, zumindest auf Seiten der Wehrmacht, ritterlich bestanden. Paul Carells bunte Chroniken des „Unternehmens Barbarossa“ haben wie kein anderes populäres deutsches Zeitgeschichtswerk das falsche Bild vom Krieg gegen die Sowjetunion hierzulande geprägt – der von Anfang an ein Vernichtungskrieg war, ein zweiter Holocaust.

Deshalb ist es wichtig, daß jetzt auch im Land der Täter Dokumente dieses Krieges zu sehen und zu lesen sind, die alle Schönfärber und Schönhuber entlarven, wie zum Beispiel in diesem Buch von Guido Knopp. Der Band entstand, laut Verlag, in Zusammenarbeit mit russischen Historikern (deren Namen das Impressum dann aber leider verschweigt), so daß in Augenzeugenberichten neben deutschen auch ehemalige Soldaten der Roten Armee und Partisanen zu Wort kommen, die, endlich von allen ideologischen Fesseln befreit, freimütig berichten.

Vor allem aber werden hier zum großen Teil erstmals Bilder gezeigt, die bisher in Archiven und Schubladen verborgen waren, Bilder, die russische Soldaten in den Taschen gefallener und gefangengenommener deutscher Landser fanden: entsetzliche Souvenirs, Dokumente der Bestialität, die einmal mehr die Legende widerlegen, daß alle Untaten in diesem Krieg durch die SS und „im Rücken der Front“ geschahen. Daß Knopp und seine Mitarbeiter Rudolf Gültner, Stefan Brauburger, Peter Hartl, Ursula Nellessen und Gabriella Toth dabei keinesfalls die Grausamkeiten der anderen Seite verschweigen, die Erbitterung der russischen Partisanen, die mit allen Mitteln gegen die deutsche Armee kämpften, versteht sich bei der nüchternen, mit dem Blick auf das große Publikum allerdings oft allzu vage formulierten Darstellung dieses Buches von selbst. Das Vorwort übrigens schrieb Lew Kopelew. B. E.

  • Guido Knopp u. a.:

Entscheidung Stalingrad

C. Bertelsmann Verlag, München 1992; 255 S., Abb., 44,– DM