Von Ralf Neubauer

Lothar Späth ist zufrieden. "Es läuft ganz gut", sagt er mit ungewohnt leiser Stimme, ganz so, als wolle er sein Glück nicht allzusehr beschwören. Seit fast zwei Jahren residiert Späth in der Chefetage der Jenoptik GmbH, die nach der Wende aus dem ehemaligen DDR-Vorzeigekombinat Carl Zeiss Jena entstand. Ostthüringen ist zwar noch keine "blühende Region", wie der Schwabe versprochen hat. Aber der wirtschaftliche Niedergang scheint gestoppt. Jena ist trotz Massenentlassungen einer der ostdeutschen Arbeitsamtsbezirke mit der niedrigsten Erwerbslosenquote. Die Beschäftigung wächst sogar wieder. Späth: "Das hat selbst uns überrascht."

Jena ist längst nicht überall. Die "blühenden Landschaften", die Bundeskanzler Helmut Kohl einst prophezeit hat, sind für die meisten Regionen im deutschen Osten ferner denn je. Die alten Strukturen brechen noch immer schneller zusammen, als der Neuaufbau vorankommt. "Vom Produktionsanteil der verarbeitenden Industrie gesehen, befindet sich Ostdeutschland heute strukturell auf dem Niveau von Ländern wie Tunesien, Honduras oder Sri Lanka", sagt Lutz Hoffmann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Für das laufende Jahr rechnet das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) noch einmal mit "kräftigen Beschäftigungseinbußen" in Industrie und Handwerk. Allerdings werde sich der Personalabbau "deutlich verlangsamen" und dann 1994 "faktisch zum Erliegen kommen".

Ein Grund zur Entwarnung ist diese Prognose nicht, hat doch die Deindustrialisierung bereits beängstigende Ausmaße erreicht. "Ein sich selbst tragender Aufschwung ist immer schwieriger zu gestalten", urteilt denn auch Dirk Nolte vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in Düsseldorf. Und wo die Industrie abstirbt, kann sich auch kein gesunder Mittelstand entwickeln.

Ansätze für einen Kurswechsel, für Wege aus der Krise, gibt es genug. Allein die im Solidarpakt von Bund und Ländern vereinbarte Zusage, den Osten mit zusätzlichen Milliarden zu unterstützen, reicht nicht aus, um den Aufschwung in Gang zu setzen. Wer eine "weitgehende Entindustrialisierung" der neuen Bundesländer nicht riskieren wolle, müsse neue und unkonventionelle Wege beschreiten, hatte schon Anfang 1991 die Unternehmensberatung McKinsey geraten. Das gilt nicht nur für die Regierenden in Bund, Ländern und Gemeinden, sondern auch für Unternehmen und Gewerkschaften. Nur darf sich davon niemand Wunder versprechen. Wer an den großen Befreiungsschlag glaubt, unterliegt einer Illusion. Jetzt geht es darum zu retten, was noch zu retten ist.

So vor allem in der Lohnpolitik, die in der Vergangenheit den Niedergang im Osten wesentlich beschleunigt hat. Mit leichtfertigem Gerede von der schnellen Angleichung der Lebensverhältnisse hatte die Bundesregierung maßgeblich dazu beigetragen, daß die Weichen von Anfang an falsch gestellt wurden. Die im Westen bewährte Formel, wonach sich die Lohnsteigerungen am Produktivitätsfortschritt zu orientieren haben, wurde im Osten glatt außer Kraft gesetzt. Wie Untersuchungen des Berliner DIW und des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln belegen, war der Produktivitätsrückstand der Ostfirmen zur Westkonkurrenz Mitte vergangenen Jahres fast ebenso hoch wie vor der Währungsunion. Spiegelbildlich sind die Lohnstückkosten, der wohl wichtigste Maßstab für die Wettbewerbsfähigkeit, trotz der geringeren Löhne im Osten weit höher als in Westdeutschland (siehe Tabelle Seite 26).

Kein Wunder, daß laut einer DIW-Umfrage etwa drei Viertel aller ostdeutschen Industriebetriebe über zu schnell steigende Löhne und Gehälter klagen. Kaum ein westdeutsches Unternehmen könnte Kostensprünge verkraften, wie sie die IG Metall jetzt den Ostbetrieben abverlangen will. "Viele Firmen werden dichtmachen müssen, die anderenfalls eine Chance zum Überleben hätten", sagt Arbeitgeberfunktionär Dieter Kirchner für den Fall voraus, daß sich die IG Metall mit ihrer Forderung nach 26 Prozent mehr Lohn durchsetzt.