Ab heute schreibt Helmut Schmidt täglich in BILD, zwei Wochen lang – „In großer Sorge um Deutschland“. Helmut Schmidt ist Herausgeber der „Zeit“. Er arbeitet im 6. Stock des verklinkerten Pressehauses. Am Empfang zwei hurtige Damen hinter zentimeterdickem Panzerglas. Ein langer Flur, die Türen stehen offen, überall so große Papierstapel, daß man dahinter ein Pony verstecken kann... Sein Zimmer mißt ca. 14 Quadratmeter, die Decke hängt tief. Der dunkelbraune Schreibtischsessel ist der eines Unterabteilungsleiters. Hinter ihm auf Kopfhöhe im Regal die „Encyclopedia Britannica“, Ausgabe 1989, das beste Lexikon der Welt. Es selbst steht drin. Deutscher Bundeskanzler 1974-1982 usw. – ohne Foto... Als ich Schmidt nach anderthalb Stunden verlasse, denke ich: Welch ein großer Mann in welch bescheidener Umgebung. Ein Hanseat bei der Arbeit.

Paul C. Martin („Stimme Hamburgs“) in der „Bild-Zeitung“ vom 22. März 1993

Zeit zum Aufklären

Keiner wurde gründlicher verleugnet, denunziert, gründlicher vergessen gemacht als sie: die deutschen Aufklärer des 18. Jahrhunderts. Und wenn sich die heutige germanistische Professorenschaft dieses Landes eines rühmen darf, dann dessen, daß sie in den letzten Jahrzehnten einiges von der Schuld ihrer bornierten Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert wieder abtrug, indem sie sich um die gekümmert hat, die jene aus der deutschen Literaturgeschichte ausgegrenzt und ausgebürgert hatten: um Lichtenberg und Seume, um Knigge, um Forster und Voß. Anregung, hier mehr zu erfahren, wollen jetzt zwei Tagungen geben. Die eine, Georg Forster gewidmet, findet vom 1. bis zum 4. April in Kassel statt. Informationen dazu gibt es über die Geschäftsstelle der Georg-Forster-Gesellschaft, Dr. C. V. Klenke, Wissenschaftliches Zentrum II der Gesamthochschule Kassel, Gottschalkstraße 26, in 3500 Kassel. Wer Neues über Voß wissen will, ist in Lauenburg an der Elbe willkommen. Dort geht es vom 23. bis zum 25. April um „Das gesamtdeutsche Erbe von Johann Heinrich Voß“ (Information: Friedrich-Naumann-Stiftung, Elke Wandkowski, Telephon: 04153/59 353). Ort dieser Veranstaltung: die alte Zündholzfabrik, Elbstraße 2. Auf daß der Funke überspringt!

Europa üben – im Tanz

Ach, Europa! Man mag das Wort nicht mehr hören, so wurde es in Brüssel, zuletzt in Maastricht kaputtgeredet. Doch was hören wir da, ausgerechnet aus Wuppertal, der Tanz-Metropole im Bergischen Land? „Tanz erreicht die Jugendlichen noch in Situationen, in denen Sprache längst versagt hat.“ Kein Esperanto, sondern die Sprache des Körpers, der Anne und Hände, der Beine und Füße, der Hälse und Gesichter wird gelehrt – von „richtigen“, von professionellen Tänzerinnen und Tänzern – in dieser Woche. Die „Schultanzwoche“ (bis zum 29. März) findet statt in Wuppertal. Dort erwarten deutsche Schüler, zusammen mit türkischen, griechischen, spanischen und italienischen aus der Region, Gäste aus England, Frankreich, den Niederlanden und der Slowakei. Da gibt es nicht nur völkerverbindendes Ringelringelreihe, über das der auf diplomatischem Parkett trittfeste Solo-Tänzer Hans-Dietrich Genscher das Schirmchen seines Schutzes schwingt, sondern da bringen Profis aus allen Ländern Europas den jungen Menschen mit Ballettschritten die verschiedenen Tanzstile und Kulturen des Kontinents bei. „Mind the gap“ nennt sich die 1982 in London gegründete Gruppe, die seit 1987 in Wuppertal arbeitet und jetzt zum dritten Mal ihre Tanzwoche veranstaltet. In den letzten Jahren sind zehn Stücke für das jugendliche Tanztheater entstanden, nach Vorlagen etwa von Beckett, Genet, Jelinek und Tschechow.

Vorletzte Meldung

Es zittern die Forsythienblüten im Frühlingswind, hier im Speersort (Adr. d. ZEIT) naturgemäß ein Frühlingssturm, will sagen, es zittern die morschen Knochen, es zittert der Zeigefinger überm Schreibcomputer, es zittert die Zeitung in der Hand, und jetzt, so die Titelzeile der Hamburger Morgenpost, zittert die Welt um Boris, nein, nicht Becker, sondern Jelzin. Also noch mal. Die Welt zittert um Jelzin, sagt die Mopo, so wie sie vorher um Gorbatschow gezittert hat und noch vorher um Stalin, pardon vor Stalin. Der Russe. Entweder zittert man vor ihm oder um ihn. Ewiges Zittern. Und jetzt zittert die Träne. Nicht mehr lange. Pardauz, da ist sie runtergefallen, mitten auf die Mopo.