Von Wolfgang Köhler

Bei Europas größtem Reiseveranstalter ist derzeit von Urlaubsstimmung keine Spur. Die Eigentümer der Touristik Union International GmbH & Co. KG (TUI) bekriegen sich, daß die Fetzen fliegen; der Aufsichtsrat ist in wichtigen strategischen Unternehmensfragen gespalten, und ein Ende des Streits ist nicht abzusehen. Die Fronten sind verhärtet, das Klima ist vergiftet, denn es geht um die bedeutsame Frage, wer bei dem lukrativen und wachstumsträchtigen Unternehmen künftig das Sagen hat.

Gerade die großen TUl-Gesellschafter Deutsches Reisebüro (DER), abr Amtliches Bayerisches Reisebüro und Hapag-Lloyd AG mit Anteilen von jeweils 11,6 Prozent fühlen sich in die Ecke gedrängt. Denn ausgerechnet die früher als „Club der Kleingesellschafter“ belächelte Walter Kahn Verwaltungs-GmbH & Co. Beteiligungs-KG schickt sich an, ihren Einfluß auf den Hannoveraner Reiseriesen zu stärken.

Irgendwie geht der Pool der Kleingesellschafter den großen Miteigentümern schon lange auf die Nerven. Vor mehr als einem Jahrzehnt begannen die einstigen Gründer der Reiseveranstalter Hummel, Scharnow und Dr. Tigges, die heute nur noch Markennamen im TUI-Angebot sind, darüber nachzudenken, wie sie die eigenen Interessen am besten wahren könnten. Mit ihren geringen Anteilen von zumeist nur wenigen Prozentpunkten befürchteten sie, daß ihre Stimmen im Konzert der großen Anteilseigner in der TUI-Gesellschafterversammlung kein Gehör mehr finden würden. Also entschlossen sich die Kleingesellschafter – zumeist Inhaber mittelständischer Reisebüros – im Jahre 1980, ihre Anteile in der Walter Kahn Beteiligungs-KG zu einem ansehnlichen 30-Prozent-Paket zusammenzulegen.

„Wenn die kapitalkräftigen großen TUI-Gesellschafter vielleicht davon geträumt hatten, den einen oder anderen Kleinanteil im Laufe der Zeit günstig vereinnahmen zu können“, erinnert sich Günter Kahn, „so sahen sie sich jetzt getäuscht.“

Gut zehn Jahre später standen die Poolgründer erneut vor existentiellen Fragen. Viele der Mittelständler aus der Gründergeneration der Reisebranche erfreuen sich inzwischen des wohlverdienten Ruhestands, manche Anteile befinden sich schon in Händen der Erben. Ein kapitalkräftiger Partner sollte her. Günter Kahn: „Wir mußten unsere Position auch für den Fall absichern, daß beispielsweise bei der TUI frisches Kapital gebraucht wird.“

Der finanzstarke Prinz kam in der Gestalt von Friedel Neuber, dem Vorstandsvorsitzenden der Westdeutschen Landesbank. Neuber verschaffte dem Club der TUI-Kleingesellschafter über eine Kapitalerhöhung die ersehnte Handlungsfreiheit und sicherte damit zugleich seinen eigenen Touristik-Beteiligungen, der Düsseldorfer Fluggesellschaft LTU und der britischen Reisebürokette Thomas Cook, sowie der befreundeten Südwestdeutschen Landesbank den Einstieg in die Interessensphäre der Nummer eins unter den deutschen Reiseveranstaltern.