Von Dieter E. Zimmer

Mit 74 Jahren tat der angesehene kanadische Gehirnforscher Daniel Hebb etwas, was sich unter Naturwissenschaftlern eigentlich nicht schickt. Er hielt einen Vortrag über sich selbst, genauer: über sein eigenes Altern. Es war ein ergreifender Vortrag, gerade weil Hebb seinen eigenen Alterungsprozeß so kühl und sachlich analysierte, frei von Verbitterung, Selbstmitleid, Selbstbeschönigung, Selbstbezichtigung.

Hebb, der 1985 mit 81 Jahren starb, hatte sein Alter mit „professionellem Optimismus“ antreten wollen. In seiner Forschung hatte er sich von den erstaunlichen Selbstheilungskräften des menschlichen Gehirns überzeugt; so traute er auch seinen eigenen grauen Zellen zu, daß sie das Altern ohne Einbußen verkraften würden. Es war jedoch anders gekommen. Im fünften Lebensjahrzehnt setzte bei ihm mit den ersten kleinen Vergeßlichkeiten ein Prozeß ein, den er selber („Ich sage es ungern“) als einen „Niedergang“ sah, einen „Intelligenzabbau“, den er durch eine bessere Organisation seines Berufslebens zunächst wettmachen konnte, dann aber nicht mehr.

Was er an sich beobachtet hatte, war dreierlei: Sein aktiver Wortschatz schrumpfte; ständig wiederholten sich die gleichen hartnäckigen Gedankenfetzen (worin er eine Schädigung der inhibitorischen Mechanismen des Gehirns sah), und schließlich nahm seine Motivation ab, sein Bedürfnis, mit Hochleistungen zu glänzen.

Die Redaktion der Zeitschrift, die seinen Vortrag druckte, machte ihm das netteste Kompliment, das man sich ausdenken kann: „Wenn Dr. Hebbs Fähigkeiten weiter in der von ihm angedeuteten Weise abnehmen, ist er am Ende des nächsten Jahrzehnts nur noch doppelt so luzide und beredt wie wir anderen.“ Es mochte sogar die lautere Wahrheit sein – getröstet haben wird es ihn kaum. Denn all der Altersoptimismus der Jüngeren ist aus Angst um die eigene Zukunft und schlechtem Gewissen geboren. Wie auch all die Trostliteratur ringsumher jemanden, der mit seinen eigenen Alterssymptomen zurechtkommen muß, schwerlich davon überzeugen wird, daß die altersbedingten Veränderungen des Gehirns und seiner Leistungsfähigkeit nur minimal seien oder sich gar als Zugewinn interpretieren ließen.

Die Medizin im Verein mit günstigeren Lebensbedingungen hat die mittlere Lebenserwartung dramatisch erhöht. Die maximale Lebensspanne, die immer noch bei 120 liegt, hat sich bisher nicht verändert, und angesichts des Zustands der Erde, der nicht zuletzt darauf zurückgeht, daß unsere Gattung zu zahlreich geworden ist, weiß man auch nicht, ob man ihr hier einen Durchbruch wünschen soll. Wünschen darf man indessen, die hinzugewonnenen Lebensjahre frei von körperlicher und geistiger Degeneration zu halten, so daß möglichst viele Menschen trotz ihres Alters noch wie die Cowboys sterben dürften, in the boots. Doch bisher, haben sich die entsprechenden Anstrengungen der Medizin als wahre Sisyphusmühe erwiesen, die vor allem eins klargemacht hat: daß das Altern eine Naturgewalt ist, die sich nicht leicht überlisten lassen wird.

Die Vergänglichkeit des Körpers beruht darauf, daß seine Zellen mit der Zeit die Fähigkeit verlieren, sich zu teilen und damit zu erneuern (nur Tumorzellen leben ewig). Gelänge es, diese von vornherein eingebaute Grenze aufzuheben und das Teilungspotential der Zellen zu erhöhen, so wäre das natürlich ein enormer Schritt. Trotzdem wäre mit ihm erst wenig gewonnen, denn zu den Zellen, die sich nie teilen und erneuern, gehören die Nervenzellen. Der übrige Körper könnte sich noch so lange im Zustand ewiger Jugend halten – leben könnte der Mensch doch nur, solange die unersetzbaren Zellen seines Nervensystems funktionsfähig bleiben.