Von Joachim Güntner

Der Prozeß ist irreversibel“, schrieb Arnold Gehlen, „die Versorgung steigender Bevölkerungen bei steigenden Ansprüchen mit zunehmenden Gütermengen muß gewollt werden, aber die Konstatierung des Vorgangs und Abrechnung auf der geistigen und moralischen Kostenseite sollten erfolgen, solange das noch möglich ist.“ So steht es im Zentrum der Schrift über „Die Seele im technischen Zeitalter“, als Satz eines Konservativen, der seinen Frieden mit der unaufhaltsamen Industrialisierung gemacht hat. Noch in den späten dreißiger Jahren hatte derselbe Autor vermutet, „daß in einem tieferen Sinne der Bund von Naturwissenschaft und Technik uns von den Quellen des Lebens abschnürt“. Nun, 1957, war der Fortschritt als undurchbrechliches Lebensgesetz der Menschheit akzeptiert.

Von rückhaltlosem Einverständnis freilich kann keine Rede sein. Der Ausdruck „moralische Kostenseite“ spricht für sich; eine Gewinnrechnung gedachte Arnold Gehlen nicht aufzumachen. Wer die Schrift in die Hand nimmt, findet darin eine mittlerweile altvertraute Phalanx kulturkritischer Topoi, scharfzüngiger Attacken auf „Konsumquietismus“, Medienherrschaft und Bildungsverfall, auf die Destabilisierungswut der Intellektuellen und ihre „aufgestöberten Reflexionsmassen“, auf Genußsucht, Entformung der Sitten und einen leer rotierenden Subjektivismus. Unbedingt neu war das schon damals nicht, wohl aber kaum zuvor so prägnant formuliert worden.

Gehlen wußte um seine Gabe zu anstößiger Formulierung, und er hat sich durch sein polemisches Furioso sicher so manchen als Leser bewahrt, der ohne die sprachmächtige Instrumentierung von den reaktionären Anwandlungen des Autors abgestoßen worden wäre.

Unter den wenigen bedeutenden Rechtsintellektuellen dieses Jahrhunderts steht er neben Heidegger und Carl Schmitt, umstritten wie sie und ähnlich diskreditiert. Der sachlichen Wertschätzung seines Werkes tat das kaum Abbruch. Zustimmung erfuhr Gehlen von ganz unterschiedlicher Seite; Adorno bekundete sie wiederholt, und der Spiegel-Herausgeber Augstein bemühte sich vergeblich, ihm das Blatt als eine Plattform auch für konservative Publizistik schmackhaft zu machen.

Ein böser Blick fördert zuweilen die Hellsicht – da nimmt man gewisse blinde Flecken im Auge des Beobachters in Kauf. Daß seine Sozialpsychologie auf Methodenstrenge keinen Anspruch erhebe, sein Vorgehen vielmehr ein „intuitives“ sei, räumt der Autor von „Die Seele im technischen Zeitalter“ freimütig ein. Die Befunde sind ganz danach. Bei aller Tönung des Urteils durch ein tiefsitzendes antiliberales Ressentiment aber kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, vieles sei einfach treffend fixiert. Als Wehr im Zeitstrom hat Gehlen selbst sich betrachtet, zum Gegengift taugt er noch immer. Doch Vorsicht mit der Dosis. Toleranzschädigungen sind fast unausbleiblich.

In der schmalen Schrift von 1957 – die sich dem breiteren Publikum stärker ins Gedächtnis grub als die Hauptwerke „Der Mensch“ (1940) und „Urmensch und Spätkultur“ (1956) – tritt Gehlen betont als Soziologe auf. Seine An- und Einsichten sind allerdings gerade nicht, was sie zu sein vorgeben: Ausformulierung rein erfahrungswissenschaftlicher Daten. Sie tragen sämtlich einen philosophischen Index. Trügen sie ihn nicht – es wäre leichter, sie als überholt abzutun. So aber stehen sie in einem Deutungszusammenhang, dessen Wahr- oder Unwahrheit durchaus unentschieden ist. Daraus resultiert ihr Gewicht.