Von Günther Nenning

Wenn das Gespräch endet, endet der Mensch", schrieb Friedrich Heer, vergessener Österreicher, Katholik noch dazu, in seinem vergessenen Essay "Das Gespräch der Feinde" (1954). Was heißt Gespräch der Feinde? Gespräch, daß die Fetzen fliegen, Gespräch der Quatsch-Gladiatoren, künstlich aufeinandergehetzt und meist kümmerlich honoriert.

Der endlos aus allen Kanälen rinnende Talk in allen Varianten vom heißen Stuhl bis eingeschlafene Füß’ ist die billigste TV-Produktion. Die Talkshow ist das Ende des Gesprächs, das Ende des Gesprächs ist das Ende des Menschen, ergo: Die Talkshow ist das Ende des Menschen.

Der erste Mensch, der in einer Talkshow endete, war Friedrich Hacker, Psychoanalytiker, Professor, hochprofessioneller Talkshow-Gast seit Menschengedenken. Bewohner zweier Kontinente (Wien und Los Angeles), Liebhaber vierer Kulturen (deutsch, jüdisch, österreichisch, amerikanisch) starb er den Herztod mitten in einer dadurch spannenden Sendung (1989).

Was läßt sich da noch dazuerfinden? Doch, es läßt sich. Rafael Seligmann beendete soeben ein Theaterstück (Rechte bei S. Fischer), das eine Talkshow simuliert, in der ein Professor, ein alter deutscher Jude, stirbt. Zwar hat die Realität den Autor vorgeahmt, aber das macht nichts, sie wird überboten vom Realisten Seligmann. Er multipliziert die TV-Realität, den normalen Talkshow-Wahnsinn, mit der Realität des Wahnsinns in den deutsch-jüdischen Beziehungen beziehungsweise Nichtbeziehungen. Seligmann macht das sehr gut, denn er ist selber ein Wahnsinniger.

Jude sein in Deutschland genügt ihm nicht. Er will deutscher Jude sein, jüdischer Deutscher unter nichtjüdischen Deutschen. Anrennend gegen die Phrase der deutschen Pseudo-Philosemiten vom "jüdischen Mitbürger", macht er aus den Deutschen seine "nichtjüdischen Mitbürger". In einer Talkshow – einer echten, live in München (1990) – sagte doch dieser Jungjude (46) glatt:

"Ich fühle mich als Deutscher, gewiß als besserer Deutscher als etwa Herr Schönhuber und Konsorten."