Von Robin Detje

Wer heute das Programm liest, möchte eigentlich lieber nicht dabeigewesen sein. Die Gruppe Oberiu will ein „Ritual“ mit dem Titel „Wegwerfen“ aufführen: „1). Schweigen. 10 Min. 2). Hunde. 8 Min. 3). Einschlagen von Nägeln. 3 Min. 4). Sitzen unter dem Tisch und Halten der Bibel. 5 Min. 5). Aufzählung der Heiligen. 6). Betrachten eines Eis. 7 Min.“ Anmerkung: „Das Ritual wird in Tüllmasken durchgeführt.“

Drei Tage zuvor, am 23. November 1927, haben die Oberiuten, die Mitglieder der „Vereinigung der realen Kunst“, um 20 Uhr im Leningrader Haus der Presse den „Plan des Abends ‚Drei linke Stunden‘“ gefaßt (Punkt 4 der Tagesordnung). Zwei Monate später wird er verwirklicht: „Erste Stunde: Einführung. Conferierender Chor. Deklaration des OBERIU. Deklaration der Sektion Literatur. (...) Der Conferencier wird auf einem dreiräderigen Veloziped unwahrscheinliche Linien und Figuren fahren.“ Außerdem würde der Oberiut Daniil Charms bleich geschminkt auf einem Schrank stehen und „phonetische Gedichte“ singen. Er würde plötzlich seine Uhr aus der Tasche ziehen und verkünden, „daß in diesen Minuten an der Ecke Prospekt des 25. Oktober und Straße des 3. Juli Nikolaj Kropaöev eigene Gedichte vortrage“. Uff. Avantgarde!

Es folgte in der zweiten Stunde die Uraufführung des Dramas „Elizaveta Bam“ („Text von D.I. Charms“), in der dritten ein Experimentalfilm. „Der Abend wird von Jazz begleitet.“

Junge Künstler können so anstrengend sein.

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Seit 1925 versuchen die beiden Jungdichter Daniil Charms (20) und Aleksandr Vvedenskij (21), in der Kulturszene der Stadt Leningrad (also St. Petersburg, also Petrograd) zu reüssieren. Sie scharen andere Dichter um sich, treten Avantgarde-Orden bei oder dem Allrussischen Dichterverband, schreiben Briefe (an Pasternak: „Wir beide sind die einzigen linken Dichter Petrograds!“), halten Sitzungen und Konferenzen, planen die Vereinigung mit anderen Verbänden, in die man Abordnungen entsenden könnte (vier Mann? oder gleich zwanzig?). Ein Auftritt, ein Almanach nach dem anderen wird geplant, wilde Manifeste werden verabschiedet. „Drei linke Stunden“ werden vorgeführt. Man strampelt, und man tut es so großmäulig wie möglich. Uff!

Das Drama „Elizaveta Bam“, das Charms in zwölf Tagen im Dezember 1927 geschrieben hat, gehört zu den wenigen Texten des Dichters, die erhalten sind und sich notfalls „Werke“ nennen lassen. Es ist natürlich ein großmäuliges Jugendwerk.

Nachdem einmal die Ausgangssituation klar ist (zwei Männer klopfen an die Tür von Elizaveta Bam und wollen sie für ein nicht näher bekanntes Verbrechen umbringen), beginnt eine wüste Jonglage wirklicher und erfundener Genres, die Charms Szene für Szene durchdekliniert („Realistisches Melodram“, „Unsinnig komisch-naives Genre“, „Milieu Radix“, „Balladeskes Pathos“ ...). Elizaveta und ihre Häscher verfallen unvermittelt in Abklatschspiele, ihre Eltern erscheinen aus dem Nichts, das Bühnenbild verschwindet, und alle Theaterkonventionen brechen zusammen oder flüchten entsetzt auf die Straße.

Was bleibt, ist eine Komik, die kreischend in Wahnsinn und Entsetzen mündet. Eine Welt, in deren rauchenden Trümmern Daniil Charms steht und sich – die Bühne ist freigeräumt – seine eigene aufbaut. Auf den Trümmern jener anderen, die er gerade mit gezielten literarischen Handkantenschlägen zerstört hat. Die Charms-Welt, ohne Regeln, ohne Sinn, voller Trauer und unsichtbarer Engel, deren Anwesenheit man spürt, auch wenn man sie manchmal mit einer Gabel verwechselt. Diese Welt läßt sich mit nichts, was Dichter sonst geschrieben haben, vergleichen.

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Zwei Bände Charms’ gibt es schon seit Jahren bei Haffmanns, einen Band bei Volk und Welt, zwei Hefte in der Friedenauer Presse. Wirklich kennen wir die Charms-Welt erst, seit dieses Buch mit seinen Materialien erschienen ist: „Die Kunst ist ein Schrank“. Für das Peter Urban aus Charms’ Notizbüchern der Jahre 1924 bis 1940 übersetzt hat, was sich derzeit an öffentlich zugänglichem Material zusammentragen läßt; versehen mit einem ausführlichen Anhang aus Anmerkungen und Daten zu Leben und Werk: „Materialien einer künstlerischen Biographie“. Bis heute standen die Prosaminiaturen dieses Autors, die Dialogfetzen und Gedichte seltsam im Leeren. Man konnte Charms für einen Humoristen halten, eine komische Figur, einen merkwürdig kurzatmigen, verschwiegenen Literaturclown. Damit ist es jetzt vorbei.

Im Juli 1928 schreibt Daniil Charms dieses Gedicht: „Ein Mann ging in gebückten Hosen / ein duftgefülltes Blümlein in der Hand / mal roch er an der Blume, mal auch nicht“. Der Mann trifft plötzlich einen Franzosen. Er begrüßt ihn untertänigst. Der Franzose zieht eine Pistole und erschießt den Mann. „... der läßt das Blümlein sinken / denkt in sein seiden Tüchlein: / ist das der Tod in meinem Garten? / ist das der Tod in meinem Garten? / IST DAS ETWA DER TOD IN MEINEM GARTEN?“

Er ist es. Und er verläßt Charms’ Garten nie. Die Daten zu seinem Leben und Werk, die Peter Urban zusammengestellt hat, verzeichnen eine unablässige Abfolge von plötzlichen Denunziationen, Verhaftungen, Hinrichtungen in Charms’ unmittelbarer Umgebung. Der Wahnsinn der stalinistischen Säuberungen samt gleich darauf folgender Säuberung, Folterung und Erschießung der Säuberer, der Terror in der Sowjetunion der dreißiger Jahre beherrschen Charms’ Welt. Am Ende fällt er diesem Wahnsinn selbst zum Opfer.

Bis dahin schreibt er Texte wie einer, dem man den Mund verboten hat und der ihn trotzdem nicht halten kann. Er flieht in Geheimschriften, in spiritistische Sitzungen, ins „Ätherriechen“ oder in Gebete (die häufiger und heftiger werden, wenn er Hunger leidet). Er verdient sein Brot mit Beiträgen für Kinderbücher und -Zeitschriften, bis die „Säuberungen“ auch den Kinderbuchverlag erreichen.

Versorgt mit diesem Wissen, kann die grausame Sinnlosigkeit der Charms-Welt (deren Figuren einander manchmal plötzlich die Nase oder den Mund abreißen, deren Schöpfer sich zwanghaft weigert, ihre Geschichten zu Ende zu erzählen, und deren Beschreibungen meistens nach ein paar Sätzen abbrechen) niemanden mehr überraschen: Die Charms-Welt sieht der wirklichen Welt des Dichters Charms mit einem Mal verblüffend ähnlich. War Daniil Charms in seinem Garten etwa ein Naturalist? Der Literat als kleines Versuchstier im großen Experiment zur Weltverbesserung. Eine Hochdruckkammer; der Luftdruck wird bis zum Erstickungsanfall erhöht. Wie schreibt einer da noch (aus dem, an anderem Ort, zu einer anderen Zeit ein Wer-weiß-Was geworden wäre)?

Zur Spezial-Versuchsanordnung, die sich das System für den Dichter Charms ausgedacht hat, gehört die ständige Zufuhr völliger Hoffnungslosigkeit und quälender Angst durch das beobachtende Polit-Personal. Schon die Auftritte der Gruppe „Linke Flanke“ und der Oberiuten Ende der zwanziger Jahre wurden offiziellererseits heftig attackiert – und jede Attacke konnte den Beginn einer Kampagne markieren, jede Kampagne den Beginn der physischen Vernichtung. (Daher die hektische Suche nach Verbündeten, die Versuche der jungen Real-Künstler, sich auf ironische Weise angenehm zu machen: „Wir Oberiuten sind ehrliche Arbeiter in unserer Kunst.“)

1925 ist der zwanzigjährige Charms noch voller Übermut und „Sehnsucht nach Ausschweifung der Seele“ bereit zur Therapie. In der Sowjetunion entdeckt er „einen Abgrund an Vulgärmaterialismus, der bestrebt ist, die freien Regungen des Menschen einzuschränken und ihn der Ruhe und Erholung zu berauben. Wir, die wahren Künstler, Ärzte am Magen der Gesellschaft, verabreichen euch ein Abführmittel in Form des Topfdeckelklapperns der Romantik.“ Sechs Jahre später werden die „wahren Künstler“ abgeführt, die Oberiuten verhaftet.

Der Rest ist Verdüsterung. Charms wird nach einem halben Jahr voller Verhöre für einige Monate nach Kursk verbannt, wo er mit Aleksandr Vvedenskij ein Zimmer teilt. „Die Kunst des Schweigens“, hatte er einen Monat vor seiner Verhaftung geschrieben, „sie ist das Tor, das ins Paradies führt.“ In der Verbannung verfaßt er ein Traktat „Über das Unendliche“: „Das, was wir nichts nennen, trägt noch etwas in sich, das, im Vergleich zu diesem Nichts, ein neues Nichts ist. Zwei Nichts? Zwei Nichts, die einander widersprechen? Dann ist das eine Nichts doch etwas.“

Es ist von nun an (und war auch vorher schon) das Nadelöhr, durch das Daniil Charms dichtend entkommt – das letzte Loch. Das Absurde ist bei Charms keine Eskapade, kein Stil, der Aufsehen machen soll, sondern reine Not. Die letzte Ausdrucksmöglichkeit, die letzte Art zu sprechen jenseits aller Hoffnung, gehört (oder gar anerkannt) zu werden.

Im September 1932 notiert Charms in Kursk: „Ich tue nichts: eine hündische Angst überkommt mich.“ -1933, wieder in Leningrad: „Es ist gefährlich, über alles nachzudenken, was einem gerade einfällt.“ – 1935: „So gleite ich allmählich in die Müllgrube.“ – Am 3. Oktober 1937: „Wir haben wohlschmeckend gegessen (Würstchen und Mackaroni) das letzte Mal. Weil morgen keinerlei Geld in Aussicht steht, und es kann keins geben.“ – 31. Oktober: „Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘; nur das, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.“ – Ein paar Wochen später: „Ich staune über die menschlichen Kräfte! Heute ist schon der 12. Januar 1938. Unsere Lage ist noch um vieles schlimmer, aber wir schleppen uns immer noch weiter. Mein Gott, schick uns nur bald den Tod.“

Der Dichter als Versuchskaninchen: Der Luftdruck nimmt zu.

Die Texte, die Charms unter diesem Druck schreibt, sind kurz; es kann nicht anders sein. Jeder Entwurf für eine längere Prosa bleibt mißlungenes Fragment; jedes Fragment, das nichts anderes sein will, funkelt.

Funkelt aus dem Jenseits (denn Revolutionäre sind nur Tote auf Urlaub!): jenseits aller Hoffnung, jenseits allen wissenschaftlich begründeten, staatlich verordneten Sinns. Was Charms zu Papier bringt, unter dem Druck der Angst, der Schwermut und oft auch des Hungers, sind Texte von geradezu geisterhafter Leichtigkeit; fast schwerelos, fast schon Haikus.

Dieses kleine Nichts, eine Anekdote aus dem Leben Bobrovs von 1930, ist beispielhafter, klassischer Charms:

„Bobrov ging die Straße entlang und dachte: warum, warum, wenn man Sand in die Suppe schüttet, schmeckt dann die Suppe nicht mehr?

Plötzlich sah er am Straßenrand ein kleines Mädchen sitzen, das einen Wurm in der Hand hielt und weinte.

– Warum weinst du? – fragte Bobrov das kleine Mädchen.

– Ich weine nicht, ich singe, – sagte das kleine Mädchen.

– Aber warum singst du so? – fragte Bobrov.

– Damit der Wurm lachen kann, – sagte das Mädchen, und ich heiße Nataša.

– Ach so? – staunt Bobrov.

– Ja, genau so, – sagte das Mädchen, auf Wiedersehen.

Das Mädchen sprang auf, setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr davon.

– So klein und kann schon Fahrrad fahren, – dachte Bobrov.“

Charms’ Geschichten beginnen im Nichts und enden im Nichts. Sie täuschen nie vor, daß es sie geben müßte. Nie erfinden sie einen komplizierten Grund für ihre Existenz. Jeden Augenblick könnte ihr Erzähler achselzuckend schweigen oder völlig ungerührt von etwas ganz anderem erzählen – und (das ist das Geheimnis dieser Texte) man würde ihm immer noch zuhören wollen.

Keine zwei Buchseiten umfaßt das Stück „Fünf unvollendete Erzählungen“, enthalten in dem Heft „Harmonius“; einem der beiden Hefte, die Daniil Charms 1936 und 1937 aus seinen Notizen zusammengestellt hat, zu finden im Anhang des Bandes „Die Kunst ist ein Schrank“. Die fünf Erzählungen, aufgeteilt in Erzählschritte von 1. bis (logischerweise) 15., beginnen als Brief: „Lieber Jakov Semënovič...“ Es folgt (erstens bis viertens) die Erzählung von dem Mann, der mit dem Kopf gegen eine Schmiede läuft, auf der Erde sitzt und „Au“ sagt. „4. Der Schmied trat auf den Menschen zu. 5. Wir brechen die Erzählung von dem Schmied und dem Unbekannten ab und beginnen eine neue Erzählung von den vier Freunden des Harems.“

Charms’ Texte sind Mitteilungen, unmittelbar. Briefe, Kassiber aus dem Lebensgefängnis. Was im Notizbuch steht, wird unverändert in die Hefte übernommen. Charms muß sich in den späten Jahren keiner Öffentlichkeit verkaufen – es gibt gar keine. Die Zeitschrift Tapir, die er 1936 plant, „verbleibt“, so das Konzept, „innerhalb der Räume der Wohnung von D.I. Charms“. Und die Kunst des Schweigens ist das Tor zum Paradies.

Peter Urbans Charms-Buch ist eine spektakuläre Neuerscheinung – ein nacktes Buch über das nackte Überleben in der Kunst. Erst im Blättern zwischen den Texten, den Anmerkungen und Daten wird es zum Roman (oder zu einem mörderischen Königsdrama von William Shakespeare, in dem zu leben Daniil Charms verdammt ist).

1938, in einer Zeit, in der schon manches nach Fieber und Hungerphantasien klingt, träumt Charms von Wodka, Bier und molligen Frauen. Aber dann: „Das Fenster geht auf. Ruhig kommt ein Elefant auf ihn zu. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund.“

Am 23. August 1941 wird Charms zum zweiten Mal verhaftet, 36jährig, in Pantoffeln vor der Haustür. Im September fallen die ersten deutschen Bomben auf Leningrad. Im Dezember wird Charms in die Gefängnispsychiatrie eingeliefert. Am 2. Februar 1942 stirbt er an einem unbekannten Ort.

Die „Lage, Größe und Mächtigkeit“ des nachgelassenen Werks von Daniil Charms, schreibt Peter Urban in seinem Nachwort, sei noch immer nicht vermessen worden. Wie steht es jetzt damit? Nach der Veröffentlichung dieses Buches?

Das Fenster geht auf. Ruhig kommt ein Elefant auf uns zu. Ein durchsichtiger Freund.

  • Daniil Charms:

Die Kunst ist ein Schrank

Aus den Notizbüchern 1924-1940; aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Peter Urban; Friedenauer Presse, Berlin 1992; 399 S., 44,– DM