Sommer: Welches sind eigentlich die außenpolitischen Gefahren, die uns aus dem muslimischen Raum drohen? Als sich John Galvin in Brüssel als Nato-Oberbefehlshaber verabschiedete, sagte er: „Den Kalten Krieg haben wir gewonnen. Nach einer siebzigjährigen Abirrung kommen wir nun zur eigentlichen Konfliktachse der letzten 1300 Jahre zurück. Das ist die große Auseinandersetzung mit dem Islam.“ Stimmt das eigentlich?

Steppat: Die „islamische Welt“ ist die uns benachbarte große Region. Daß im Laufe der Jahrhunderte auch Konflikte entstehen, ist selbstverständlich. Ich will aber daraus keine tief verwurzelte Feindschaft ableiten, die immer wieder zu neuen Krisen führen muß.

Scholl-Latour: Die amerikanische Frontstellung gegen den Islam, die offenbar von hohen Militärs gepredigt wird, entspricht genau den russischen Positionen; da finden sich die beiden Großen wieder einmal zusammen. Als Europäer müssen wir uns hüten, in diese Masche zu verfallen. Wir sind dem Islam geographisch näher, auch von der Kultur her, vom Zusammenleben her. Wir sollten uns nicht in eine Frontstellung gegen den Islam, auch nicht gegen den Islamismus hineinmanövrieren lassen.

Steppat: Wir müssen differenzieren. Es gibt Islamisten, die erklären: Wer nicht unserem Glauben folgt, ist ungläubig und infolgedessen in einem Heiligen Krieg zu vernichten. Mit ihnen werden wir uns kaum verständigen können. Aber es gibt daneben sehr viele nuancierte Auffassungen. Es gibt eine Form von Islamismus, die nach etwas verlangt, was Identität stiftet. Mein Lehrer Walter Brauner hat es formuliert als den „Rückhalt im Eigenen“, den der Mensch braucht. Und es gibt eine Form von Islamismus, die sagt: „In vielen Dingen müssen wir dem Westen folgen, aber irgendwo soll uns etwas erhalten bleiben, was uns selber gehört. Das ist unsere Religion.“

Bertram: Ich erinnere mich, als Golda Meïr Anfang des libanesischen Bürgerkrieges die Frage stellte: „Was macht ihr Christen eigentlich? Da werden Christen verfolgt. Ihr Europäer und ihr Amerikaner müßt doch den Christen im Libanon zu Hilfe kommen.“ Da zuckten wir alle mit den Achseln und sagten: „Wieso?“ Ich bin hergekommen mit dem Vorurteil, es gebe so etwas wie eine Internationale des Islam. Und ich merke nun: Die gibt es ja gar nicht. Ist das wirklich so? Gibt es eine international relevante Kraft des Islam?

Schlagintweit: Ich bin der Ansicht, daß es diese Internationale nicht gibt. Die Belebung der Religion hat in diesem Raum zwar zunächst irrationale Kräfte mobilisiert. Diese Kräfte gehen nun aber in eine nationale Richtung. Das zeigt sich auch im Nahostkonflikt. Der Golfkrieg hat hier eine entscheidende Wende gebracht. Er hat einmal große religiöse Kräfte freigemacht. Die Fundamentalisten sind überall gestärkt worden. Diese Kräfte haben sich dann auch gegen Israel gerichtet, in Form eines arabischen Nationalismus. Das ist die eine Erkenntnis aus dem Golfkrieg.

Die andere Erkenntnis ist, daß Raum allein keine Sicherheit mehr gibt. Sicherheit beruht einzig auf politischen Gesichtspunkten. Aufgrund dieser beiden Entwicklungen konnten die amerikanischen Vermittlungsbemühungen Erfolg haben, konnten sie einen Prozeß in Gang bringen, der sich im zurückliegenden Jahr erstaunlich gut entwickelt hat, besser als man gedacht hat.

Leicht: Es ist aussichtslos, das Thema Islam und Christentum zu diskutieren, ohne auch über die jüdischen Brüder zu sprechen. Sie sind weltpolitisch einer der Gründe, warum wir überhaupt den Islam als Problem wahrnehmen. Meine ungehörige Frage: Reden wir über den Islam wegen seiner religiösen Dynamik, oder sprechen wir darüber, weil es zwei andere Sachen gibt? Es gibt Öl, und das nur an bestimmten Stellen, und es gibt Israel, den Staat, auch nur an einer bestimmten Stelle. Wenn es beides nicht gäbe, würden wir hier nicht über den Islam reden.

Arkoun: Was Israel angeht, gibt es natürlich eine ganze Geschichte. Diese Historie Israels ist aufs engste verbunden mit der Beherrschung des Mittelmeergebietes durch den Westen seit Anfang an. Das ist eine historische Tatsache.

Scholl-Latour: Warum ist denn die arabische Welt ein solches Faszinosum? Wegen Israel natürlich! Dadurch entstehen die engen Bindungen zu Amerika. Ich warne eindringlich davor, die ersten Gehversuche, die in dem Friedensprozeß gemacht werden, für den Anfang der Lösung zu betrachten. Wir sind zum Kern des Problems noch nicht vorgedrungen. Man hat mir noch nicht den Palästinenser vorgeführt, der sagt: Ich will ja nur auf die Westbank, nach Nablus oder Hebron und nicht nach Haifa, Jaffa und Jerusalem. Den Palästinenser gibt es nicht.

Sommer: Müssen wir uns über eine islamische Bombe mehr Sorgen und Kopfzerbrechen machen als über die Bombe in den Händen eines protestantischen oder orthodoxen oder agnostischen Staatspräsidenten? Es wird immer wieder darauf hingewiesen, nach dem Zweiten Weltkrieg sei Giftgas nur zweimal eingesetzt worden, beide Male von Arabern, nämlich von Nasser im Jemen und von Saddam gegen die Kurden. Darf man daraus ableiten, daß sie ähnlich sorglos oder verantwortungslos mit nuklearen Waffen umgehen würden?

Schlagintweit: Ich bezweifle, ob es typisch islamische Verhaltensformen in der Politik gibt, ob nicht zum Beispiel im indisch-pakistanischen Verhältnis die Kriegsbereitschaft auf der indischen Seite mindestens ebenso groß war wie auf der pakistanischen. Deshalb ist auch die Frage unpassend, ob die Muslime mit der Bombe anders umgehen als Protestanten. Ebensowenig glaube ich, daß es typisch muslimische Menschenrechtsverletzungen gibt. Es gab und gibt Menschenrechtsverletzungen bei den Christen und Abendländern, die mindestens ebenso gravierend sind.

Steppat: Zum Einsatz chemischer Kampfmittel: Liegt er den islamischen Regierungen besonders nahe? Sind sie besonders leichtfertig? Es wurden Nasser und Saddam Hussein erwähnt. Beides sind keine Islamisten, beides sind untypische islamische Politiker.

Kamphaus: Man muß immer fragen: Was ist das für ein Vertreter des Islam oder der protestantischen oder der katholischen Kirche, der diese Bombe zur Verfügung hätte, inwieweit ist der mit seiner Religion identifiziert? Im Grunde wirft das die Frage von Religion und Krieg auf.

Sommer: Ich möchte nachhaken bei der islamischen Bombe: Die Frage, die dahintersteckt, lautet: Ist bei den Muslimen die Rationalität vorhanden, die ein Gleichgewicht des Schreckens voraussetzt? Man hat sie den Sowjets ja ursprünglich auch abgestritten, und sie haben sie dann doch bewiesen.

Arkoun: Die Art und Weise, wie diese Fragen gestellt werden, achtet die realen Kräfte nicht, die auf der Welt wirken. Sie sprechen über den Islam, als ob es heute eine Gesellschaft gäbe, auf die wir zeigen könnten als Macht im Sinne der Vereinigten Staaten, Deutschlands oder Frankreichs. Die islamischen Gesellschaften sind allesamt abhängige Gesellschaften. Wenn sie Waffen besitzen, stammen sie aus dem Westen. Keine einzige islamische Gesellschaft ist in irgendeiner Weise autonom. Die Fragen, wie sie hier gestellt werden, sind für Muslime nicht verständlich. Die Muslime sagen: Ich habe Angst vor euch, ihr im Westen seid so stark, ihr habt Möglichkeiten, Probleme zu schaffen in meinem Land.

Scholl-Latour: Da wir schon von der „islamischen Bombe“ reden: Die Proliferation wird kommen, das ist gar nicht zu verhindern. Aber denken wir doch daran, daß Saddam Hussein kein Islamist ist, sondern ein laizistischer Nationalist, der, als er den Krieg zu verlieren drohte, „Allahu akbar“ auf seine Fahnen hat schreiben lassen. Er hat den Krieg gegen den Iran mit Unterstützung des Westens geführt, um den Islamismus oder den Fundamentalismus zu erdrücken. Dieser Mann hat zu den chemischen Waffen gegriffen.

Ich glaube, daß der Iran, der in absehbarer Zeit über eine Atombombe verfügen wird, durchaus Verantwortung beweisen wird. Die Gefahr geht aus von verantwortungslosen oder an den Abgrund gedrängten Politikern. Saddam Hussein hätte zweifellos die Atombombe eingesetzt.

Schlaginweit: Die Bedrohungen des Friedens sind in den vergangenen Jahrzehnten nie von den dominant muslimischen Staaten ausgegangen, sondern von den säkularisierten wie Irak, wie Ägypten, das Kriege gegen Israel begonnen hat, oder im Falle des Bürgerkriegs im Libanon von den Christen, die ihre Stellung bedroht sahen.

Wright: Die Gefahr einer sogenannten „islamischen Bombe“ ist größer geworden. In Kasachstan sind Kernwaffen vorhanden, Kirgisistan in Zentralasien hat das Uran geliefert, mit dem das sowjetische Atomwaffenarsenal und die Reaktoren betrieben worden sind und werden, Pakistan hat die Bombe. Wir müssen, wenn wir die islamische Welt betrachten, zum Nahen Osten jetzt auch Zentralasien mit einbeziehen. Die Türkei, Iran, die zentralasiatischen Republiken, Pakistan und Afghanistan entwickeln sich zu einer völlig neuen Region.

Kohlschütter: Ballt sich in diesem ganzen Raum zwischen Schwarzem Meer und der Grenze zu China ein neues Gefahrenpotential für Europa?

Wright: Ich glaube, jedes Land, jede Völkergruppe wird eine eigene Gefahr-für den Westen darstellen. In Kasachstan zum Beispiel werden wir eine neue Trennungslinie zwischen Asien und Europa erleben, da wird sich einiges tun, in einem Land mit vierzig Prozent Russen und vierzig Prozent Kasachen. Die Gefahr in der Beziehung zwischen dem Westen und dem Islam wird darin liegen, daß dort die Situation nicht festgefügt ist. Es wird gefährlich werden, wenn wir versuchen, einen Übergang zu etwas Neuem zu blockieren, wie wir es in Algerien versucht haben und wie wir es auch am Persischen Golf tun. Da unterstützen wir ja die Scheichtümer, die Öl besitzen, und blockieren alles, was die Entwicklung eines Pluralismus fördern könnte. Wir verletzen dort alles, was wir selber predigen: Menschenwürde, Menschenrechte, Meinungsäußerungsfreiheit. Wir ermutigen demokratische Ausdrucksformen nicht.

Sommer: In diesem Zusammenhang: Welches ist die Rolle der Türkei? Wird sie versuchen, diese Gebiete für Europa zu reklamieren, als Vorposten Europas, oder wird von diesen Gebieten eine solche Magnetwirkung auf die Türkei ausgehen, sich in den orientalischen Raum auszubreiten, daß wir uns zum Beispiel über Ankaras Antrag auf EG-Mitgliedschaft gar keine Sorgen mehr zu machen brauchen?

Kappert: Es ist oft geschrieben und gesagt worden: Kein anderer Staat ist derart erfolgreich in der Aufnahme von Verbindungen zu den jetzt unabhängig gewordenen Staaten Zentralasiens wie die Türkei. Es gibt eine Fülle, mittlerweile über hundert Verträge, die sie abgeschlossen hat. Das hat sich bewährt, und zwar weil man die Türkei eben nicht als potentiellen Partner ansieht, den man vereinnahmen könnte in panturanischen oder panturkistischen Bestrebungen; der Panturkismus ist in diesen Regionen auch traditionell viel weniger ausgeprägt, als wir es uns in der Phantasie gerne ausmalen. Das ist das eine.

Zum anderen ist die Türkei wirklich der Partner, das Verbindungsglied zu Europa oder zu Amerika, der Garant für einen westlichen Lebensstandard. Sie wählen die Türkei, sie wählen nicht den Iran, sie wählen nicht Pakistan, nicht Saudi-Arabien und nicht Afghanistan, weil sie wissen, was sie an der Türkei haben. Die Türkei mit einer Regierung, der man superkonservative Züge nachsagen kann, hat sich bisher unter der Führung von Demirel als ein Partner erwiesen, der einen pragmatischen Weg geht zur Modernisierung.

Nienhaus: Sollten wir denn den Beitrittsantrag der Türkei zur EG vergessen, wenn sich die Türkei mehr nach Zentralasien orientiert? Das kommt darauf an, wie man die Türkei einschätzt. Es gibt ja die Meinung, wonach die Türkei die gelungene Synthese aus westlicher Moderne und islamischer Religion ist. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Aber wenn es so sein sollte, wäre es töricht, die Türkei aus Europa auszugrenzen.

Schmidt: Ich wäre sehr vorsichtig, was die Einbeziehung der Türkei in die Europäische Gemeinschaft angeht. Erstens ist das eine Parteinahme. Zweitens bitte ich, sich daran zu erinnern, daß die EG-Verträge Freizügigkeit vorsehen. Nun ist Demirel ja nicht zum ersten Mal Regierungschef. Ich kann mich gut erinnern, als ich ihn das erste Mal traf. Das muß anderthalb Jahrzehnte her sein. Wir trafen uns in Ankara. Er war damals Regierungschef und hat zu mir gesagt: „Wissen Sie, Herr Schmidt, bis zum Ende des Jahrhunderts müssen wir noch fünfzehn Millionen Türken nach Deutschland exportieren.“ Und ich habe zu ihm gesagt: „Das wird nicht stattfinden, das werden wir nicht zulassen.“ Da hat er gesagt: „Warten Sie mal ab. Wir produzieren die Kinder, und Ihr werdet sie aufnehmen.“

Die Türkei als Brücke vom Nahen Osten in die EG halte ich, strategisch betrachtet, für eine riskante Angelegenheit. Einstweilen ist die EG völlig außerstande, selbst alltägliche Probleme wie den Import von Bananen zu regeln. Die Ausdehnung der EG in Richtung Nahost halte ich rein ökonomisch nicht für zweckmäßig.

Scholl-Latour: Wir reden immer noch so, als sei die Türkei kemalistisch. Ich bin 1951 zum ersten Mal in der Türkei gewesen. Da wurde tatsächlich nicht mehr laut das Gebet gesungen, da trugen die Frauen keinen Schleier, Arabisch war als Gebetssprache verboten, und Atatürk hatte Mohammed als räuberischen Beduinen bezeichnet. Die Zeit ist längst vorbei. Die Koranschulen sind wieder geöffnet. In Istanbul wird der Schleier wieder getragen. Von welcher Türkei reden wir denn eigentlich heute?

Gsteiger: Bislang galt die Türkei als Brücke zwischen Abend- und Morgenland. Führt nun die Islamisierung im Inneren des Landes zu einem neuen Selbstverständnis als eigenständiger Machtpol mit Ausstrahlungskraft in den ganzen zentralasiatischen Raum?

Scholl-Latour: Wenn es den Türken nicht bald gelingt, ihren Schutzbefohlenen auf dem Balkan zu helfen – das sind die Bosnier, das sind die Leute, die in Novi Pazar leben, das sind die Albaner, die Türken in Bulgarien –, wenn sie nicht verstehen, denen effektiv zu helfen, und wenn sie nicht verstehen, den Aserbeidschanern in Nagornyj-Karabach zu helfen, werden sie ihr Prestige sehr schnell verlieren. Dann wird man eines Tages feststellen, daß die Nation ein Irrweg ist im Islam. Die Umma ist die Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist natürlich Theorie, und der ganze Fundamentalismus ist eine Utopie. Aber die Aufteilung der Welt in verschiedene Nationen – und denen auch noch das Wort „arabische Nation“ zu geben – ist eine Häresie im Islam. Und im übrigen bricht sie zusammen.

Wright Wir sollten eine Situation schaffen, in der die zentralasiatischen Republiken kein Interesse haben, sich nach dem Modell des Iran zu richten – das sind Sunniten; nur eine hat dieselbe Sprache wie der Iran, Tadschikistan –, aber im großen und ganzen suchen sie doch ein Modell, das anders ist als alles, was wir gesehen haben – Pakistan, Jordanien oder Ägypten. Die zentralasiatischen Republiken sind entweder noch kommunistisch geführt oder haben noch kommunistische Mehrheiten im Parlament. Wir sollten sie anhalten, Demokratie zu wagen. Nur so können wir verhindern, daß als einzige Alternative die Flucht in eine islamische Bewegung bleibt. Diese ist dort im Untergrund schon sehr stark.

Scholl-Latour: Ich weise auf die Ölreserven vor allem in Kasachstan hin. Kasachstan dürfte wahrscheinlich das Krisengebiet überhaupt sein, auch aus diesen ökonomischen Gründen. Rußland wird dort in Zukunft mit einer offenen Wehrgrenze gegenüber Asien leben – ein völlig neues Phänomen.

Schmidt: Sollten wir also eine Riesenanstrengung unternehmen, um unsere Abhängigkeit vom „islamischen Öl“ zu verringern? Kann es uns gelingen – ich bin nicht sehr optimistisch –, Saudi-Arabien, Iran, Irak, aber auch Kasachstan damit aus ihrer weltwirtschaftsstrategisch dominierenden Position zu verdrängen? Über Nacht können wir den Nachfolgestaaten der Sowjetunion kaum anders helfen, indem wir unsere großen Erdölgesellschaften auffordern, deren Erdölförderung, deren Pipelines in Ordnung zu bringen. Öl ist das einzige, was sie für die nächsten zwanzig Jahre mit Erfolg exportieren können. Auch das würde die strategische Bedeutung des Nahen Ostens reduzieren.

Nienhaus: Ich stelle mir vor, daß wir anders dastünden, wenn wir Forschungspolitik nicht lange Jahre als bloße Kernenergiepolitik betrieben hätten. Ich bin kein Energieexperte, aber mir scheint es, als sei die Solarenergie im Prinzip technisch verfügbar und als hätten wir hauptsächlich ein Transportproblem. Wir könnten kostengünstig Solarenergie in den arabischen Ländern produzieren, da dort die klimatischen Bedingungen günstig sind. Das Problem ist nur, wie wir den dort produzierten Strom nach Europa kriegen. Wenn wir dieses Problem lösten, dann würden wir uns wirtschaftlich nicht ganz von den arabischen Ländern abkoppeln: Wir setzen nicht allein auf Öl, sondern auf alternative Energien, besonders Solarenergie, die am günstigsten wiederum in – allerdings anderen Teilen – der islamischen oder arabischen Welt zu produzieren wäre.

Scholl-Latour: Wir pflegen immer noch die Illusion, daß die arabischen Länder wegen ihrer strategischen Lage und wegen des Öls im Islam die entscheidende Rolle spielen. Diese Zeit geht dem Ende entgegen. Wir kommen jetzt zu einem Übergewicht der nichtarabischen Länder innerhalb des Islam.

Im übrigen brauchen wir uns über die Ölversorgung keine Sorgen zu machen. Man kann Öl nicht essen, und gute Preise zahlen können nur die Industrienationen. Insofern müssen die Saudis an den Westen verkaufen, genauso wie die Libyer ja auch an den Westen verkaufen, obwohl sie die westlichen Mächte nicht besonders mögen.

Arkoun: Wenn wir die Geschichte des Öls durchforsten und alle Entscheidungen, die damit zusammenhängen, finanzielle Entscheidungen, auch wirtschaftliche Entscheidungen, dann stellen wir fest, daß all dies von westlichen Staaten beeinflußt wurde. Das hat zu katastrophalen Ergebnissen geführt in Ländern, die Öl fördern. Auch heute noch schafft der Kreislauf der Petrodollar, wie wir sie nennen, viele praktische Probleme in den Gesellschaften, in denen Öl gefördert wird, besonders im Nahen Osten.

Was der Westen in dieser Hinsicht angerichtet hat, muß repariert werden, und zwar wiederum vom Westen. Politische Initiativen sind hier gefordert.

Kohlschütter: Ich plädiere sowieso dafür, daß man jenseits von Öl und jenseits von Religion das Verhältnis zur arabisch-islamischen Welt mehr und mehr in Drittweltdimensionen faßt. Deswegen ist es auch so wichtig, daß wir diesen Konflikt nicht zu sehr „religionisieren“, daß wir das als ein Zivilisations-Spannungsverhältnis auffassen, eine letztlich unterentwickelte Weltgegend.

Gsteiger: Es fällt auf, daß, sobald die Fragen konkret werden, sobald wir über Atombomben, über Einflußsphären diskutieren, sobald auch Wirtschaftsfragen zur Sprache kommen, die Religion eigentlich in den Hintergrund rückt.

Wir interessieren uns im Grunde für den Islam, weil es um die israelische Frage geht, weil es um Fragen der Völkerwanderung geht. Könnte man diese praktischen Fragen nicht auch diskutieren, ohne immer mit dem Islam zu argumentieren? Er liefert ein bißchen Folklore dazu, aber ist im Grunde nicht der Kern des Problems. Der Kern des Problems ist vielmehr die Tatsache, daß in dieser Weltgegend, von der wir sprechen, feudale Monarchien regieren, daß dort Tyranneien herrschen, daß Militärdiktaturen am Werke sind, und nicht so sehr, welchen Glaubens die Leute sind.

Arkoun: Deshalb würde ich vorschlagen, daß wir gar nicht mehr über den Islam sprechen, auch nicht über Fundamentalisten. Wir sollten überhaupt nicht über den Islam sprechen, es sei denn, es geht nur um Fragen der Werte, auf denen wir eine Ordnung aufbauen können. Dann gelangen wir zu einem Konflikt, der im Grunde genommen philosophischer Natur ist: zu einem Wertekonflikt.

Bertram: Bildet der Islam ein Hindernis für den Anpassungsprozeß an die industrielle Welt? Ist er eine gesellschaftliche Barriere gegen innere Stabilität, so wie wir sie uns wünschen?

Steppat: Man kann endlos darüber diskutieren, ob der Islam die Modernisierung hemmt oder fördert. Es kommt alles an auf die Interpretation der islamischen Lehre. Deshalb ist tatsächlich die Religion am Ende nicht das entscheidende. Konservative Kräfte werden den Islam in einer Weise interpretieren, welche die Modernisierung und die Demokratisierung behindert. Muslimen, die am Fortschritt interessiert sind, bieten sich alle Möglichkeiten, die islamischen heiligen Texte und die islamischen Gesetze in entsprechender Weise zu interpretieren.

Kappert: Der Islam hat im Laufe seiner Geschichte ganz besonders große Offenheit für Wissenschaft und für Fortschrittsgedanken bewiesen. Geht mit der technologischen Weiterentwicklung nicht zwingend auch eine soziale Umformung der islamischen Gesellschaft einher? Islamische Theoretiker würden das sicherlich zum Teil bestreiten. Hier taucht nun auch die Frage nach der Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft auf.

Wenn ein Land wie jenes in Saudi-Arabien sich uns angenähert hat und sehr intensiv an technologische Weiterentwicklung und Fortschritt denkt, sich aber dennoch erlaubt, seine Frauen zu Hause zu halten, sie getrennt zu erziehen oder ihnen gar das Autofahren zu verbieten, dann wird das mit Sicherheit irgendwann zu einem Konflikt führen.

Wright: Bei meiner jüngsten Reise in den Iran bin ich in die Geburtenkontroll-Kliniken gegangen. Es war für mich eine große Überraschung. Am Anfang der Revolution sprach man davon, daß man eine islamische Generation schaffen sollte. Das war auch sehr erfolgreich, die Bevölkerung hat sich fast verdoppelt auf nahezu sechzig Millionen Menschen. Wirtschaftliche Aspekte der Bevölkerungsexplosion haben aber Ende der achtziger Jahre neu nachdenken lassen und ein

Modell der Geburtenkontrolle geschaffen: Von einer Geburtenrate von 3,9 ist man nach Angaben des Gesundheitsministeriums auf 2,7 heruntergekommen, dank staatlich subventionierter Gesundheitsprogramme. Dazu gehört jede Art von Geburtenkontrollmittel, Kondome, Pessare, Verhütungspillen und Operationen für Männer.

Schmidt Können Sie diese Informationen an die Heilige Römisch-Katholische Kirche weiterleiten?

sition in der Gesellschaft verbessern, sich selber mehr Zeit schaffen, indem sie die Geburtenkontrolle praktizierten.

Die Fähigkeit des Islam, sich mit Frauen zu befassen, beantwortet die Frage, ob der Islam auch mit der Moderne fertig wird.

Nienhaus: Ich wage einmal die These, daß der Islam geradezu das Vehikel der Modernisierung in der islamischen Welt ist. Modernisierung ist für mich nicht nur ein technischer Begriff, Modernisierung bedeutet auch sozialen Wandel, Umsunden, gut erzogenen Muslim zu haben als hundert kranke, nicht gut gebildete. Das war sehr wirksam. Man erklärt auch die finanziellen Aspekte und daß man sich gegen äußere Aggressoren wehren muß und daß es deswegen besser ist, Geld für Waffen auszugeben als für Nahrungsmittel für zu viele Münder.

Interessant ist, daß man gleichzeitig eine Frauenbefreiungsbewegung gefördert hat. Man hat Freiwillige gewonnen, indem man ihnen erklärte, sie könnten ihre Position in der Gesellschaft verbessern, sich selber mehr Zeit schaffen, indem sie die Geburtenkontrolle praktizierten.

Die Fähigkeit des Islam, sich mit Frauen zu befassen, beantwortet die Frage, ob der Islam auch mit der Moderne fertig wird.

Nienhaus: Ich wage einmal die These, daß der Islam geradezu das Vehikel der Modernisierung in der islamischen Welt ist. Modernisierung ist für mich nicht nur ein technischer Begriff, Modernisierung bedeutet auch sozialen Wandel, Umstrukturierung der Gesellschaft, Umstrukturierung der Wirtschaft. Sie ist mit Aufstieg und Abstieg verbunden. Das Problem ist, daß zur Zeit in vielen islamischen Ländern Wandel stattfindet, allerdings meist nur mit Abstieg verbunden, und zwar Abstieg jener, die die Leidtragenden von Stabilisierungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds sind. So richtig das Prinzip sein mag, so unangemessen ist dessen rigide Implementierung – Privatisierung, Preisfreigabe, Abwertung. Diese Art von Modernisierung, Marktwirtschaft und Wandel wird natürlich abgelehnt.

Erforderlich ist, um in einer Gesellschaft Modernisierung durchzusetzen, eine positive Einstellung zum Wandel. Man muß verstehen können, warum es Aufstieg, aber auch Abstieg gibt. Und der Abstieg darf kein Fall ins Bodenlose sein.

Gsteiger:: Was heißt das denn konkret?

Nienhaus: Ich nenne drei, vier Stichworte: die Rolle von Privateigentum und von Privatinitiative im Gegensatz zu Staatswirtschaft oder Kommandowirtschaft; die Rolle von gerechten Preisen im Sinne von Wettbewerbspreisen, das heißt Belohnung von Leistung und von Wettbewerb. Einkommen und Eigentum müssen letztlich durch ökonomische Leistung legitimiert werden, nicht durch Privilegien, nicht durch Traditionen; soziale Absicherung, ein Instrument, das von einem islamischen Staat weiterentwickelt werden müßte in die Richtung eines Sozialversicherungssystems oder sozialen Sicherung, damit der soziale Abstieg nicht bodenlos wird. In den meisten islamischen Ländern haben wir derzeit kein soziales Sicherungsnetz.

Wenn ich das alles zusammennehme, kommt ein Konzept heraus, das uns nicht sehr fremd ist – angesiedelt zwischen der deutschen sozialen Marktwirtschaft und dem schwedischen Wohlfahrtsstaatsmodell.

Dieses Konzept wird aber nicht einfach aus Funktionalitätsüberlegungen heraus präsentiert, sondern man versucht, mit islamischen Prinzipien zu begründen, warum man für Wettbewerb, für Privateigentum, für individuelle Leistung ist. Es wird seit gut zwei Jahren im Iran tendenziell angestrebt. Wir sollten uns das Beispiel des Iran anschauen, um daraus Schlußfolgerungen auch für die sunnitische Welt zu ziehen. Grundsätzlich sage ich: Der Islam ist das Vehikel zur Modernisierung.

Kamphaus: Ich habe den Eindruck, wir hatten zuerst den religiösen, kulturellen Part erledigt, sozusagen das „Wort zum Sonntag“, und jetzt geht’s zur Sache: Politik und Wirtschaft und dergleichen mehr. Und das eine hat mit dem anderen im Grunde nicht viel zu tun.

Das genau ist das Problem. Das Problem des sogenannten Fundamentalismus ist, daß eine rein technische Entwicklung transferiert wird, ohne daß die kulturellen Gegebenheiten und auch die religiösen Gegebenheiten wahrgenommen und ernstgenommen werden. Das führt nachher zu einem unsanften Erwachen.

Einen großen Teil des Problems sehe ich darin, daß wir Entwicklung nur als wirtschaftliche Entwicklung betreiben und die kulturellen und auch religiösen Gegebenheiten nicht sehen. Wir sollten nicht irgendwo eine fromme Schiene sehen und dann die harte Schiene, und um die es eigentlich geht. Ich wünschte mir Wirtschaftler und Politikwissenschaftler, die die kulturellen und religiösen Fragen ernst nähmen, so wie ich mir Theologen wünschte, die Politik und Wirtschaft ernst nähmen.

Wir müssen auf die reale politische und wirtschaftliche Situation blicken. Das haben auch religiöse Komparatisten festgestellt mit Blick auf den christlichen Fundamentalismus und den jüdischen Fundamentalismus. Fundamentalismus entsteht aus einer tiefen, existentiellen Krise, die die Menschen verzweifeln läßt. Sie ist nicht bestimmt von den religiösen Entwicklungen, sondern von ganz realen Erscheinungen.

König: Der Fundamentalismus hat auch eine psychologische Komponente. Er gründet nämlich in der Angst der Menschen. Sie fürchten um Besitzstände, um ihr Überleben und ihr Erbe und ihre Tradition. Das übersieht man oft.

Wright: Die Fundamentalisten in Algerien, in Zentralasien, im Iran wollen ja etwas anderes. Die wollen ihre Lebenssituation, ihr politisches Umfeld verbessern, indem sie ihren Glauben dazu einsetzen. Seit den achtziger Jahren experimentieren die Fundamentalisten nicht mehr mit der Gewehrkugel, sondern mit dem Stimmzettel. Der Iran steht ironischerweise bei diesen Veränderungen an vorderster Stelle.

Steppat:: Wichtig ist, daß wir erkennen: Islam ist nicht gleich Fundamentalismus. Und der Fundamentalismus ist keine monolithische Erscheinung.

Kohlschütter:: Es gibt diesen islamischen Monolithen nicht, von dem wir in unserer stereotypen Art der Darstellung oft ausgehen. Es gibt so viele Islam-Erscheinungen, wie es islamische Staaten gibt, und noch viele mehr dazu, weil sich im Volksislam die ganze Sache noch viel mehr auffächert. Und es gibt auch nicht den monolithischen Fundamentalismus. Ich bin immer erstaunt darüber, wie monolithisch man das Phänomen des Fundamentalismus darstellt, wo man doch im Gespräch mit den Fundamentalisten verschiedener arabischer Staaten sehr schnell entdeckt, daß diese Leute eigentlich ganz getrennt marschieren und getrennt zuschlagen, jordanisch denken und algerische Prioritäten haben und kaum untereinander, außer in sehr allgemeiner Form, kommunizieren, auch gar nicht voneinander wissen, was die anderen tun und wie die anderen vorgehen.

Scholl-Latour: Da kommen wir auch zu den wirtschaftlichen Hintergründen des Fundamentalismus. Sie werden im Westen völlig falsch gesehen. Man meint, die Fundamentalisten seien Hinterwäldler, totale Ignoranten. Nein, die Fundamentalisten haben im allgemeinen eine bescheidene theologische Ausbildung: Sie sind Erneuerer, zum Beispiel Ingenieure. Der Schwerpunkt der islamistischen Bewegung in Kairo ist nicht die al-Azhar-Universität, die völlig in Traditionalismus, und in die Unterwürfigkeit unter den Staat verfallen ist, sondern es ist die Technische Universität.

Schlagintweit: Ich möchte versuchen, den Begriff des sozialen Wandels zu entislamisieren. Es ist sicher richtig, daß der Islam als eine Religion, die ihr Modell in der Vergangenheit gefunden hat, sich mit dem sozialen und gesellschaftlichen Wandel schwertut. Wenn wir uns aber einmal umsehen, wo es andere Kulturen gibt, die ähnliche und ähnlich große Schwierigkeiten mit dem sozialen Wandel haben, kommen wir sehr schnell zu den Ländern Zentral- und Südamerikas. Dies zeigt uns, wie gefährlich es ist, Probleme der Modernisierung einer Religion und an einer Geisteshaltung festzumachen.

Arkoun: Ich tue mein Bestes, um den Islam herauszuhalten aus unseren Erläuterungen dessen, was in dieser großen und vielfältigen muslimischen Welt abläuft. Nehmen Sie doch nur Indonesien. Wie viele Kulturen, wie viele Sprachen gibt es dort, wie viele Religionen, wie viele Gebräuche. Wir können eine solche Gesellschaft nur betrachten mit der Soziologie, der Ethnologie und der Anthropologie. Wir können über diese Gesellschaft nicht sprechen, indem wir uns immer auf den Koran beziehen. Das ist nicht relevant. Wenn wir uns ständig auf den Koran beziehen, dann schaffen wir doch die Illusion einer Erklärung und stärken dadurch diese pathologische und gefährliche Sicht eines gefährlichen Islam, eines bedrohlichen Islam bei allen Menschen in Europa, wo wir doch das Gegenteil tun sollten.

Dönhoff: Wir sprachen über Modernisierung. Wenn ich mir die Alternative vorstelle: einerseits die säkulare Türkei, andererseits den Gottesstaat Iran, welcher hat die größere Anziehungskraft für die Menschen?

Nienhaus: Ich will eine Antwort versuchen: Jener Staat hat die größere Anziehungskraft, der die ökonomischen und sozialen Probleme besser löst. Die Türkei ist ein Land, das zwei sehr unterschiedliche ökonomische Phasen durchlaufen hat: die Phase des Etatismus, der staatlichen Wirtschaftslenkung, der Innenorientierung und die Phase der Außenöffnung, der Marktwirtschaft. Attraktiv ist, glaube ich, nur die Türkei in dieser zweiten Phase, weil da die Problemlösungskapazitäten des Systems erheblich höher waren. Die Grundlage, der laizistische Ansatz, ist unverändert geblieben. Es war die Frage, welche Wirtschaftspolitik man betreibt. Die bessere Politik – sehr vereinfacht – ist jene, die Eigeninitiative fördert und Privateigentum akzeptiert.

Im Iran fand das staatswirtschaftliche Modell wenig Rückhalt in der Bevölkerung. In den vergangenen zweieinhalb Jahren wird deshalb die soziale Gerechtigkeit neu interpretiert und verstärkt mit marktwirtschaftlichen Mitteln zu erreichen versucht.

Sommer: Wie sollen wir eigentlich mit den Muslimen umgehen, die hier unter uns leben?

Steppat: Sie sind hierher gekommen und müssen sich in vielem anpassen. Sie tun es weitgehend gern. Die ältere Generation, die aus der Türkei ausgewandert ist, weiß ja auch noch, wie schlecht es ihnen dort gegangen ist und wie gut es ihnen materiell hier geht. Sie nahmen manches in Kauf. Aber irgendwo brauchen sie einen Rückhalt im „Eigenen“. Wir stellen deshalb fest, daß Türken, die in ihrer Heimat gar nicht besonders religiös waren, hier in Deutschland zurückkehren zu den Korankursen, die von fanatischen muslimischen Priestern gehalten werden.

Für eine solche islamische Haltung im Sinne einer Identitätsbewahrung sollten wir Verständnis aufbringen. Wenn wir den Menschen Gelegenheit geben, Muslime zu bleiben, werden diese Menschen in vielen Fällen sagen: Wir können unsere Identität wahren; warum sollen wir uns also zu Fanatismus hinreißen lassen?

Kohlschütter: Wie weit soll das Verständnis gehen? Sollen wir unsere Schulordnungen zugunsten dieses Verständnisses abändern, was die Frage des Schleiertragens betrifft? Sollen wir am Freitag den islamischen Einwohnern frei geben, weil das ihr „Sonntag“ ist? Wie weit soll sich unsere öffentliche Ordnung ihren Vorstellungen beugen?

Steppat: Wir müssen mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen. Ich würde etwa einem Türken raten, seine Tochter nicht mit Kopftuch in die Schule gehen zu lassen. Aber verbieten kann ich es ihm nicht. Wenn die Teilnahme an einem Gebet am Freitag gefordert würde, sollte man nicht kleinlich sein. Im großen und ganzen aber spielen solche Forderungen doch gar keine Rolle. Eine gewisse Anpassungsbereitschaft ist durchaus vorhanden.

Kamphaus: Zum Umgang mit den Islamisten kann ich aus eigener Erfahrung mit Fundamentalisten sagen: Der Fundamentalismus ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Er überspielt häufig Angst. Ihr begegnet man nicht, indem man die Leute schneidet, sondern indem man versucht, mit ihnen zu reden und sie in ihrem Selbstbewußtsein, in ihrer Identität zu stärken. Das ist leichter gesagt als getan.

Arkoun: Sie haben die Frage des Schleiers angesprochen. Es ist eine Frage der Kultur. Seit dem 19. Jahrhundert haben die muslimischen Intellektuellen, hat die arabische Literatur, haben die Frauen diese Frage aufgegriffen und im Detail erörtert. Der Schleier war in den muslimischen Gesellschaften verschwunden. Der Schleier ist nicht als Ausdruck der Religion wiedergekehrt, sondern als Ausdruck der Politik.

Schmidt: Er kam zurück als Symbol der Identität. Arkoun: Ja, genau, um dem Westen zu sagen: So schaut doch, was ihr macht. Und der Westen antwortet: Ich habe Angst vor euch, ihr seid gefährlich!

Kappert: Kein türkischer Fundamentalist in Deutschland – und wenn wir von Schulkindern sprechen, reden wir in der Regel von Türken – käme auf die Idee, den Freitag zu einem Feiertag zu machen, weil er das ja gar nicht kennt. Er kennt seit jeher den Sonntag als Feiertag. Auch die Frage des Religionsunterrichts – den beanspruchen ja die muslimischen Gläubigen – ist teilweise schon geklärt. In Hamburg zum Beispiel gibt es seit 1983 einen regulären türkisch-islamischen Religionsunterricht, soweit die Lehrkräfte reichen. Türkische Lehrer erteilen diesen Religionsunterricht an ein Viertel der hier lebenden türkischen Kinder, mit großem Erfolg, mit hoher Akzeptanz. Alles das läßt sich also regeln.

Schlagintweit: Wie sollen wir mit den muslimischen Staaten oder mit dem muslimischen Raum umgehen? Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, daß die Fähigkeit des Westens, andere Systeme zu ändern, stark abgenommen hat. Der Versuch, eigene Wertvorstellungen oder eigene Verhaltensformen anderen Staaten aufzudrängen, gelingt nur begrenzt. Gute Politik besteht darin, herauszufinden, mit welchem Instrument man seine Ziele am besten erreicht. Die Frage, welches Instrument angewandt werden muß, ist unabhängig von der religiösen Einstellung der anderen Seite. Ich zweifle sehr, ob es richtig war zu schweigen, als in Algerien die von uns geförderte Demokratisierung zu einem Ergebnis führte, das uns geängstigt hat. War es richtig, einen solchen Militärcoup, den wir in China oder auch sonstwo strikt verurteilt hätten, besonders da er mit Todesopfern verbunden, war, schlicht zu ignorieren und so zu tun, als ob nichts passiert wäre?

Scholl-Latour: Die Doppelmoral des Westens ist nicht zu leugnen. Erst hatte man die Algerier aufgefordert, endlich Ernst zu machen mit der Demokratie. Doch nachdem das Ergebnis nicht so war, wie es erwartet worden ist, hat man bravo geschrien, als die Armee einen Putsch inszeniert hat – der durchaus kein „sanfter Putsch“ gewesen ist. Das ist skandalös. Der Westen entzieht sich damit die eigenen Grundlagen. Ich vermute übrigens, daß, fänden heute in Ägypten freie Wahlen statt unter Zulassung fundamentalistischer Parteien, auch dort die Islamisten die Mehrheit davontrügen.

Wright: Es wäre gut, wenn man uns abnehmen könnte, daß wir die Demokratie fördern, auch wenn die Islamisten dann gewinnen. Das hieße, daß wir unseren Grundsätzen treu bleiben. Wenn eine islamische Regierung dann die Menschenrechte verletzen und Dinge tun sollte, die die Völkergemeinschaft kritisieren, ja verurteilen muß, dann können wir sie verurteilen, dann können wir dazu beitragen, daß sie abgesetzt werden, wenn wir das für nötig halten, ohne daß wir als antiislamisch gelten. Das algerische Experiment mit der Demokratie war überaus wichtig. In ein paar Jahren werden wir womöglich feststellen, daß es für die Entwicklung des Islam so wichtig war wie die ursprüngliche Revolution in Algerien vor dreißig Jahren.

Leicht Für uns stellt sich die ideologische Frage: Finden wir für unsere Zukunftsfähigkeit, sei es Bevölkerungspolitik, sei es Ökologie, in der islamischen Zivilisation Gesprächspartner, die verstehen, was wir meinen? Die sich auf praktische Schritte mit uns verständigen? Oder wird unser Insistieren nur als ein besonders hinterhältiges Bestreben verstanden, auf dieser Ebene zu dominieren? Reden wir hier als ein gemäßigt grün-alternatives Mitteleuropa über Dinge, die im Rest der Welt gar nicht konzeptionell, praktisch oder auch ideologisch und religiös als Wertvorstellung aufgenommen werden?

Steppat: Es gibt nichts im Islam, was eine ökologische Einstellung verhindern würde. Nach dem Koran hat Gott dem Menschen die Erde als ein anvertrautes Gut überlassen. Der Mensch muß mit der Erde so umgehen, daß sie für gute Zwecke verwendet wird. Da besteht also ganz gewiß kein Hindernis, sich für den Umweltschutz einzusetzen.

König: Ich habe vor kurzem eine Statistik aus dem Libanon gesehen. Die Frage wurde an viele Muslime gerichtet: „Sind Sie für einen Dialog zwischen Christen und Muslimen?“ Die Antwort war zu fast neunzig Prozent: „Ja, aber es hat keinen Sinn, es nützt nicht.“ Theoretisch ja, praktisch nein. Was also bringt der Dialog?

Steppat: Allerdings darf nicht der Eindruck entstehen, daß der Westen, nachdem er seine industrielle Revolution hinter sich hat, nun solche Argumente als Vorwand verwendet, um die noch nicht so weit fortgeschrittenen Länder in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu hemmen.

Nienhaus: Bietet der Islam, bieten islamische Denker alternative Konzepte, die Problemlösungen in diesem Teil der Welt versprechen, zumindest bessere als die bisher ausprobierten, um zum Beispiel das Problem der Armutswanderungen, der Unterentwicklung zu überwinden?

Wenn ich mir die bisherigen Experimente staatswirtschaftlicher Art in Algerien oder in Ägypten unter Nasser anschaue, war das kein Erfolg, und wenn ich mir die Modelle kapitalistischer Wirtschaftsweise wiederum in Ägypten oder in Jordanien ansehe und in vielen anderen Ländern, dann haben die zu einer sehr starken Auslandsverschuldung geführt mit Umschuldungsverhandlungen und Strukturanpassungsprogrammen des Weltwährungsfonds, was wiederum zu Problemen für die Bevölkerung führt – Preiserhöhungen und Konzentration von Eigentum durch eine ungeschickte Privatisierungspolitik. So erhalten die Menschen von außen wieder ein neues Modell präsentiert, das sie ablehnen. Denn es verschlechtert, zumindest kurzfristig, die Lebenssituation für die Masse der Bevölkerung. Da ertönt dann der Ruf nach der islamischen Alternative, nach einem Modell, mit dem man sich zumindest identifizieren kann, weil es nicht importiert ist, nicht westlich, nicht östlich, sondern eigenständig. Es nimmt vieles auf oder bezieht sich auf die Kultur, auf die großen Epochen des Islam. Oder wenn wir über Menschenrechte diskutieren, bezieht man sich auch da in der Argumentation auf seinen eigenen Wertehorizont, auf seine eigene Weltanschauung, aber in der konkreten Umsetzung dessen, was man als Menschenrecht einfordert – Minderheitenschutz, Meinungsfreiheit, Schutz einer Privatsphäre –, ist man oft nicht weit entfernt von unseren Vorstellungen. Die Frage nach Dialog und Verständnis stellt sich für mich deswegen auf operativer Ebene.

Gsteiger: Was steht dem Dialog denn im Weg? Sind es nur Unverständnis und Unwissenheit, oder spielt die Angst, die gegenseitige Angst voreinander, eine zentrale Rolle?

Wright: Es ist eine Tatsache, daß wir Angst haben vor dem Islam, daß wir ihn für gewalttätig halten.

Kappert: Die westliche Welt hat ihren großen Angstgegner, den Sozialismus in Form des Kommunismus, verloren und ist auf der Suche nach einem neuen Feindbild. Es gibt eine Menge von Definitionen, warum ein Feindbild existieren muß, wozu wir es brauchen. Eine sehr gute ist, meine ich, von Iring Fetscher, der formuliert hat: „Feindbilder sind Klischees des anderen, die mehr der eigenen seelischen Stabilisierung als der realistischen Orientierung dienen.“ Auf ein solches Feindbild zu verzichten fällt einer Gesellschaft, die mit sich selber nicht so sehr im reinen ist, sehr schwer. Es muß ein neues Feindbild her. Das ist der Islam, und dafür ist er sehr willkommen.

Leicht Ich glaube nicht daran, daß man sozusagen die sowjetische Drohung jetzt durch die islamische Drohung ersetzen kann. Ich glaube auch nicht daran, daß Gesellschaften naturgegeben einen Mindestbedarf an Feindbildern haben, selbst wenn einiges dafür spricht. Im übrigen gibt es ja die andere Erfahrung, die in dem englischen Satz ausgedrückt wird: Even paranoiacs have real enemies – sogar Paranoiker haben wirkliche Feinde. Feindbilder müssen ja nicht immer ganz falsch sein.

Was folgt daraus? Nicht die Frage, ob der Islam modern und aufgeklärt ist, sondern die Frage, ob unser eigener politischer Prozeß aufgeklärt, modern und in der Lage ist, die Kompliziertheit der Welt zu verstehen und ohne Vorurteile und ohne Klischees Interessen und Politik zu definieren.

König: Um Klischees abzubauen, brauchen wir aber einen interreligiösen Dialog, brauchen wir menschliche Begegnung. Wir müssen uns als Menschen achten, als Menschen miteinander in Frieden zu leben versuchen. Vor jedem Gespräch geht es zuerst also darum, ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung zu schaffen und eine solide Kenntnis der beiden Welten mitzubringen.

Arkoun: Gehen Sie beispielsweise nach Algerien, in das Land, aus dem ich komme, oder gehen Sie nach Marokko, nach Tunesien. Dort finden Sie viele Menschen, die hingegeben sind nicht nur an den liberalen Islam, sondern an das, was wir den islamischen Humanismus nennen. Es gibt einen solchen islamischen Humanismus, er existiert. Wer spricht von ihm? Wer erteilt einer Stimme das Wort, um dies auszudrücken? So könnten wir einen neuen Raum öffnen für Solidarität, die uns hilft, die Geschichte der nächsten Jahrzehnte gemeinsam zu bewältigen. Es gibt in Nordafrika viele Menschen, die nach Europa blicken, die nach dem neuen Europa als einer neuen Hoffnung blicken. Denn das, womit sich die Muslime dort befassen, ist der Aufbau einer neuen Weltordnung.

Dadurch würde die Hoffnung von Millionen von Menschen genährt, die zwischen Indonesien und Marokko leben. Sie haben nichts in der Hand, um von sich aus die neue Weltordnung zu schaffen, entweder als Wirtschaftsordnung, als Finanzordnung oder als politische Ordnung. Dennoch wird im Westen ständig die „Herausforderung des Islam“ beschworen.

Kamphaus: Islam und Christentum sind Weltreligionen. Beiden geht es um die ganze Welt. Beide haben sich in den vergangenen Jahrhunderten die Welt streitig gemacht und mehr gegeneinander als miteinander gelebt. Inzwischen sind Abendland und Morgenland politisch und geistig in Bewegung geraten. Wirtschaft, Technik und vor allem die Medien machen Grenzen fließend und führen zusammen mit den großen Wanderungs- und Flüchtlingsbewegungen zu einer sich mischenden Gesellschaft, die die Gesellschaft der Zukunft ist. Werden die beiden Weltkontrahenten Gemeinsames entdecken und zu verwirklichen suchen in dieser sich mischenden Gesellschaft? Beides findet sich darin: Die tiefgreifende Unruhe kann Angst und Aggression anstauen, wie wir das erlebt haben und erleben. Sie kann aber auch zu einer offenen Gesellschaft führen, die mehr Gerechtigkeit für alle ermöglicht.

Schmidt: Ich versuche, unser Gespräch zusammenzufassen. Erstens: Das christliche Bekenntnis und die ganze westliche Kultur haben Westeuropa, Osteuropa, Nordamerika nicht gehindert, sich in diesem Jahrhundert zweimal in grausamen Kriegen zu engagieren und sich, durchaus auch fundamentalistisch, gegenseitig als Todfeinde zu bekämpfen.

Zweitens: Der Islam und das muslimische Bekenntnis bieten weder in Südostasien noch in Südwestasien, weder in Zentralasien, im Nahen Osten noch in Afrika einen Anlaß, eine ähnlich tragische Konfrontation mit islamischen Staaten für wahrscheinlich zu halten, wie die Christen sie unter sich in zwei blutigen Weltkriegen und in einem kalten Weltkrieg ausgefochten haben.

Drittens: Wohl aber besteht die Gefahr, daß sich der Westen nach Fortfall des bolschewistischen Imperialismus aus Unkenntnis ein islamisches Feindbild schafft, das islamische Völker, Eliten und Führer zu einer Konfrontation provozieren kann.

Viertens: Wer einen derartigen Konflikt vermeiden will, der muß versuchen, die politischen und ökonomischen Hoffnungen und Erwartungen der Muslime in vier Kontinenten zu verstehen und zu differenzieren, von Land zu Land, je nach ihrer wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Entwicklung. Nur aus dem Dialog kann Verständnis entstehen.

Schließlich: Im 21. Jahrhundert ist die Menschheit primär gefährdet durch partielle Armut, durch globale Bevölkerungsexplosion und durch globale Umweltzerstörung, besonders durch globale Erwärmung. Aus diesen Gründen sind ökonomische und politische Kooperation zwischen den Staaten und Selbstdisziplin jedes einzelnen Staates, jeder einzelnen Gesellschaft von größerer Bedeutung als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Das gilt für Staaten mit vorwiegend christlicher Bevölkerung genauso wie für Staaten mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung. Selbstdisziplin und Kooperation sind genauso notwendig für China, für Indien, für Afrika, für Lateinamerika. Und über all dem muß die religiöse, kulturelle und ideologische Toleranz stehen und die Würde der einzelnen Person.

Textdokumentation: Josef Hrycyk

Aktuelle Literatur:

Wolfgang Günter Lerch: Halbmond, Kreuz und

Davidstern; Eichborn-Verlag

Maria Haarmann (Hrsg.): Der Islam – Ein

Lesebuch; Beck’sche Reihe

Michael Lüders (Hrsg.): Der Islam Im Aufbruch; Serie Piper

Gerhard Endress: Der Islam; C.H. Beck-Verlag

Bernard Lewis: Die politische Sprache des Islam; Rotbuch-Verlag

Erdmute Heller Arabesken und Talismane; Beck’sche Reihe

Ernest Gellner: Der Islam als Gesellschaftsordnung; dtv/Klett-Cotta

Bassam Tibi: Die Verschwörung; Hoffmann und Campe

Murad Wilfried Hofmann: Der Islam als Alternative; Eugen Diederichs Verlag