Von Stephan Böhm

"Wer nur ein Ökonom ist, kann kein guter Ökonom sein."

Friedrich August von Hayek

Die Reputation des am 23. März vergangenen Jahres verstorbenen Friedrich August von Hayek, so bemerkte der Economist treffend, beruhte weniger auf dem, was er geschrieben hat, als vielmehr darauf, was andere sagen, daß er geschrieben habe. Entsprechend viele Etiketten werden zu seiner Charakterisierung benutzt: klassischer Liberaler, Neoliberaler, Libertärer, Anarchokapitalist, Sozialdarwinist, Konservativer, Neokonservativer, Reaktionär, Monetarist. Ähnlich vielseitig sind die Wissenschaftsdisziplinen, die Hayek befruchtet hat: ökonomische Theorie und Theorie der Wirtschaftspolitik, Sozialtheorie, Evolutionstheorie, theoretische Psychologie, politische Philosophie, Ethik, Rechtsphilosophie, Wissenschaftstheorie und Ideengeschichte.

Hayeks wissenschaftliche Reputation unterlag einem regelrechten Konjunkturzyklus. Zunächst ob seiner geld- und konjunkturtheoretischen Beiträge gerühmt, geriet er Ende der dreißiger Jahre zunehmend in die wissenschaftliche Isolation. Im Oktober 1932, am Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, sprach er sich gegen eine expansive staatliche Beschäftigungspolitik aus und warnte vor ihren inflationären Konsequenzen. Als er in den vierziger Jahren seine Attacken gegen Planwirtschaft und Sozialismus ritt, wurde er zu einer der meistgeliebten Haßfiguren der Linken. In den fünfziger und sechziger Jahren, als jene Arbeiten entstanden, die seine dauerhafte Bedeutung als Theoretiker einer liberalen Gesellschaft begründeten, wurde es sehr still um ihn.

Doch die überraschende Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften (gemeinsam mit Gunnar Myrdal) im Jahre 1974 verschaffte ihm schlagartig eine ungeahnte Publizität. Es wäre allerdings nicht Hayek gewesen, hätte er die Ehrung in Stockholm nicht zum Anlaß genommen, eine Philippika gegen die "Anmaßung von Wissen" durch die ökonomische Wissenschaft zu halten, als deren Inbegriff ihm die Etablierung des Nobelpreises auf diesem Gebiet erschien. Der neue Ruhm hatte aber auch seine Schattenseiten: Hayeks Status als Galionsfigur der damals sich formierenden neuen Rechten hat nicht unbedingt dazu beigetragen, ihm jene Anhänger zu bescheren, die seinem intellektuellen Niveau und seiner moralischen Integrität würdig gewesen wären.

Hayek wurde am 8. Mai 1899 in Wien als Sohn eines Mediziners geboren und wuchs in einem großbürgerlichen Milieu auf. Die späteren Nobelpreisträger Erwin Schrödinger, Karl von Frisch und Konrad Lorenz verkehrten im elterlichen Haushalt. Mit Ludwig Wittgenstein verband ihn eine entfernte Verwandtschaft. Nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg begann er an der Wiener Universität ein Rechtsstudium. Dabei verwandte er allerdings die meiste Zeit auf Volkswirtschaftslehre und Psychologie. Ungenügende Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten für Psychologen waren letztlich ausschlaggebend für Hayek, seine ökonomischen Kenntnisse im Zuge eines staatswissenschaftlichen Studiums, vor allem bei seinem Doktorvater Friedrich von Wieser, zu vertiefen. Trotzdem bildeten seine ersten Überlegungen auf dem Gebiet der theoretischen Psychologie die Grundlage einer Untersuchung, die erst 1952 als "The Sensory Order" veröffentlicht wurde – der Schlüssel zum Verständnis von Hayeks Werk, wie viele Kommentatoren versichern.