Von Bartholomäus Grill

Gelbe Handschuhe, zerknitterte, grüne Schutzanzüge, umgestürzte Kaffeetassen – ein wildes Durcheinander auf dem Boden. Der Umkleideraum sieht aus, als hätten ihn die Arbeiter fluchtartig verlassen. In der Prozessorhalle, irgendwo im Labyrinth der Kühlschlangen, zischt ein undichtes Ventil. Aluminiumzylinder, Druckkessel, Zentrifugen, Container für flüssigen Sauerstoff stehen nutzlos herum. Aus den Wänden ragen gekappte Schläuche und Röhren. Darunter sind Stahltonnen aufgereiht mit dem Zeichen für Radioaktivität und der Aufschrift HEU. Achtung, High Enriched Uranium, hochangereichertes Uran.

Eine gespenstische Fabrik, grabesstill und menschenleer. Hier ist die Zeit stehengeblieben. Die Fabrik heißt Valindaba. So nennen die Zulu einen Ort, von dem niemand spricht. Die Buren haben das Herzstück ihres Atomprogramms auf diesen Namen getauft. Verborgen zwischen den Ausläufern der Magaliesberge, hüteten sie es wie einen heiligen Gral. Denn in Valindaba wurde seit 1975 waffenfähiges Uran für den Bau von Atombomben produziert.

Die Atombomben existieren angeblich nicht mehr, das "Plant Y" in Valindaba wurde demontiert. Es wäre ein einzigartiger Vorgang im Atomzeitalter: eine klammheimliche Nuklearmacht, die sich dazu entschließt, ihre Kernwaffen freiwillig zu vernichten.

Zwanzig Jahre lang hat alle Welt über die Bombenpläne Pretorias gerätselt. Vorigen Donnerstag, 16.45 Uhr Ortszeit, lüftete Staatspräsident Frederik de Klerk das Geheimnis: Sein Land sei im Besitz von sechs einsatzfähigen Atombomben gewesen, an einer siebten sei gebaut worden; man habe sie aber längst wieder zerstört. "Südafrikas Hände sind sauber, und wir verbergen nichts." Die schwarze Befreiungsbewegung African National Congress (ANC) begrüßte das Bekenntnis de Klerks – und übte scharfe Kritik. Die Regierung solle "über jedes Gramm waffenfähigen Urans, das sich noch in ihrem Besitz befindet, Rechenschaft ablegen".

Ist es verwunderlich, daß der ANC den weißen Machthabern nicht so recht glauben will? Jahrelang hat das Apartheidregime die eigenen Bürger belogen, die Weltöffentlichkeit getäuscht und sogar die großen Geheimdienste an der Nase herumgeführt. Ein Beispiel, an das sich Politiker und Generale nicht gern erinnern lassen: 1977 erspähte ein sowjetischer Spionagesatellit eine Kernwaffen-Versuchsanlage in der Wüste Kalahari. Außenminister Pik Botha dementierte aufs heftigste; man verfüge über derartige Einrichtungen nicht und betreibe auch kein Atomwaffenprogramm. Ein Militärsprecher erklärte gar, der Satellit habe nur eine Windmühle entdeckt. Vorige Woche hat sich die Windmühle in ein Testgelände verwandelt. "Es", räumt Nie Ligthelm, Pressechef der Atomenergiegesellschaft AEC, ein, ist The Terrain, eine Wüstenei achtzig Kilometer nördlich von Upington, wo die Bergbaufirma RUC Mining drei Schächte 500 Meter tief in die Erde getrieben hat.

Von der ZEIT nach den Kosten des Kernwaffenprojektes befragt, zitiert Ligthelm seinen Präsidenten: "800 Millionen Rand" (rund 416 Millionen Mark). Billiger war die Bombe wohl nie zu haben. Renfrew Christie, Dekan an der University of Western Cape, schätzt die Kosten auf das Zehnfache. Christie kennt sich im Fach gut aus; 1980 wurde er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er geheime Nuklearforschungsergebnisse an den ANC weiterleitete.