Von Johannes Ludwig

Die Stichworte „Rückübertragung“, „Entschädigung“ und „Reprivatisierung“ sind mehr als nur politische Vorgaben oder juristische Anspruchsgrundlagen – sie stehen auch für eine der größten Vermögensumschichtungen, die es je auf der Welt gegeben hat. Das Ausmaß des Transfers ist – würde man es in Mark und Pfennig kalkulieren – gigantisch. Es ist auf deutschem Boden die zweite große Umverteilungswelle.

Die erste nahm ihren Anfang 1933: Als Folge der „Arisierung“ und „Entjudung“ von Wirtschaft und Gesellschaft wechselten Milliardenwerte ihre Besitzer.

Vor diesem historischen Hintergrund vollzieht sich nun – neben der Rückerstattung oder Entschädigung von den in DDR-Zeiten enteigneten Vermögen – die Restitution früheren jüdischen Eigentums. Zwei Besonderheiten machen das hehre Vorhaben zum nicht kalkulierbaren Glücksspiel mit ungewissem Ausgang:

  • Zunächst die wirtschaftliche Seite: 1945 waren infolge totaler Kriegszerstörung und Währungsschnitt (10:1) rückübertragbare Vermögensgegenstände und Entschädigungsgelder dort, wo sich die Überlebenden hinretten konnten, im Ausland also, wenig „wert“. Heute werden Fabriken, Firmenwerte oder Immobilien in einer der begehrtesten und stabilsten Währungen gehandelt. Geld aber, dies lehrt die unendliche Geschichte menschlichen Zusammenlebens, macht begehrlich – auf seiten der früheren „Ariseure“ wie bei ehemals „Arisierten“. Wer dabei gewinnt, hängt – angesichts des wirtschaftspolitischen Zieles, den „Aufbau Ost“ möglichst schnell zu installieren – nicht zuletzt von der Schnelligkeit ab, Ansprüche zu sichern, durchzusetzen oder rechtzeitig Fakten zu schaffen: Wer genügend Geld hat, teure und/oder ausgefuchste Anwälte für sich zu gewinnen, der hat die besseren Karten.
  • Rechtlich ist noch vieles völlig ungeklärt – die deutsch-deutschen Ver(einigungs)händler haben die Rückübertragung jüdischen Vermögens schlecht vorbereitet: Einigungsvertrag versus sowjetische Enteignungsbeschlüsse, Vermögensgesetz versus Enthemmungsgesetz, zweites Vermögensgesetz versus Investitionsvorrang und vieles überlagert durch Gerichtsentscheidungen unterschiedlicher Instanzen. Die langsamen Mühlen der sich erst neu formierenden Behörden und die Treuhand-Politik bewirken ein übriges.

Beispiel Hertie: Der Name des Warenhauskonzerns steht heute für ehemals Hermann Tietz & Co, die Kaufhauskette aus Berlin. In Köln saß die Leonard Tietz AG (heute Kaufhof). Beide Gründer waren verwandt, und sie hatten frühzeitig ihre Märkte abgesteckt. Die Leonard Tietz hatte ihre Warenhäuser mehr im Westen, die Hermann Tietz mehr im Osten aufgebaut.

Am Tag des landesweit organisierten Großboykotts, am 1. April 1933, stehen die von den Nazis und den „deutschen“ Einzelhandelsgeschäften verpönten Warenhäuser im Mittelpunkt der„Kampfmaßnahmen“. Der Sohn von Leonard Tietz in Köln und seine Familie retten sich Hals über Kopf ins sichere Ausland: Aus Leonard Tietz AG wird Kaufhof AG, diskret gemanagt von Commerzbank, Deutscher Bank und Dresdner Bank.