In seinem großen, auch heute noch lesenswerten Buch "Aufstieg und Fall der großen Mächte" hat der in den USA lebende britische Historiker Paul Kennedy als wichtiges Anzeichen des Niedergangs die Machtüberdehnung festgestellt, und zwar wirtschaftlich wie militärisch, immer wiederkehrend während der untersuchten letzten 500 Jahre. Dort war dann auch zu lernen, daß eine große Macht, wenn sie allein nicht stark genug war, sich Vasallen holte und ihnen Subsidien für ihre Hilfe zahlte. Ich las das gerade, als in unseren Zeitungen stand, daß die USA sich von ihren Verbündeten für den Golfkrieg bezahlen ließen. Kennedy fand die Vereinigten Staaten in einem relativen Abstieg, und zwar schon 1987, also vor dem Golfkrieg.

Zu dieser Zeit war von dem Ende der Sowjetunion keine Rede. Für sie stellte Kennedy die Diagnose eines grimmigen Dilemmas: "Ohne ihre massive militärische Stärke zählt sie nicht viel in der Welt, durch ihre massive militärische Stärke beunruhigt sie die anderen und schadet ihren wirtschaftlichen Aussichten Er warnte davor, die Sowjetunion "als ein Land von fast übernatürlicher Stärke" anzusehen, was zur Zeit Reagans ;gar nicht in die politische Landschaft paßte. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts würde das Reich die Aussicht haben, nur das viert- oder fünftgrößte Produktionszentrum der Welt zu sein. Kennedys Ergebnis: "Jene, die sich an den heutigen Schwierigkeiten der Sowjetunion erfreuen und die dem Zusammenbruch des Reiches erwartungsvoll entgegensehen, sollten sich daran erinnern, daß solche Veränderungen normalerweise einen sehr hohen Preis haben und nicht immer in voraussehbarer Weise vonstatten gehen "

Das liest sich so schlecht nicht, fünf Jahre später, in einer Welt, die sich scheinbar grundlegend verändert hat. Die Erkenntnis muß festgehalten werden: So einprägsam formuliert werden kann, daß nach dem Ende des Ost West Konflikts nichts mehr ist, wie es war, so berechtigt kann argumentiert werden: Global ist alles, wie es war. Vielleicht sind die globalen Probleme durch das Ende der Sowjetunion, befreit von ideologischem Ballast, klarer, greller sichtbar geworden.

Historiker haben es oft an sich, ihren Zeitgenossen zu erklären, warum es gekommen ist, wie es gekommen ist, und warum das so kommen mußte. Insofern ähneln sie manchen Wirtschaftswissenschaftlern. Kennedy hat den Mut zur Prognose mit der Vorsicht des erfahrenen Geschichtswissenschaftlers verbunden. Um so mehr Aufmerksamkeit und Neugier sind ihm sicher, wenn er nun mit dem erprobten Instrumentarium nach vorn sieht, Fakten, Tendenzen, überkommene Entwicklungen, alte und neue Neigungen versucht in die nächsten Jahrzehnte zu projizieren. Das ist couragiert und verlangt große Umsicht.

Das Ergebnis der Provokation heißt: "In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert". Auch der englische Titel "Preparing for the 21. Century" enthält eine grundlegende Erkenntnis des Historikers, daß eine Haltung des Laisser faire nicht gestattet sei, wenn die Probleme beherrschbar bleiben sollen. Vorbereiten ist bewußtes Handeln, verlangt die Entscheidung von Prioritäten. Malthus hatte fast 200 Jahre vorher verstört festgestellt, daß die Bevölkerungszahl von Großbritannien, Frankreich und Amerika sich alle 25 Jahre verdoppele, ohne daß trotz Kultivierung von Neuland die Nahrungsmittel sich entsprechend erhöhen lassen. Die Gründe, warum Malthus sich irrte, sind so nicht wiederholbar; die kultiviertem Flächen sind bekannt; ihre Produktivität steigt nicht so explosiv wie die Zahl der Menschen. Düstere Voraussagen wie die des Club of Rome "mögen sich in ihren Zeitvorstellungen getäuscht haben, ihre Argumente indessen, was die Umweltschäden an unserem Planeten angeht, erweisen sich zunehmend als richtig und sollten nicht ignoriert werden".

Der große Reiz des Buches liegt in der Verbindung von globalen Problemen mit denen der klassischen Machtinteressen von Staaten und Staatengruppen. Das ist gerade unser Problem: Beides läuft nebeneinander, überkommenes Verhalten und die fast unheimliche, weil von nationalen Regierungen kaum beeinflußbare Kraft globaler Entwicklungen. Im ersten Teil werden also die allgemeinen Trends behandelt: "Die demographische Explosion", "Die Kommunikations- und Finanzrevolution und der Aufstieg des multinationalen Konzerns", "Landwirtschaft und die biotechnologische Revolution", "Robotik, Automatisierung und eine neue industrielle Revolution", "Die Gefahren für natürliche Umwelt". Ein Diskurs über die Zukunft des Nationalstaats bildet den Übergang zur Untersuchung der regionalen Auswirkung für Japan, Indien, China, die Entwicklungsregionen, die frühere Sowjetunion und ihr auseinandergefallenes Reich, Europa, auch Deutschland und "das amerikanische Dilemma". Auf diesem Hintergrund folgen dann die Schlußfolgerungen, die dem Buch den Titel gegeben haben.

Das Ganze erinnert an das Urteil eines Gerichts, daß eine sachgerechte Zusammenstellung bekannter Tatsachen Geheimnisverrat sein könne. Kennedy versucht also keine Handlungsanweisung. Das ist ja gerade das Dilemma der Menschheit, daß es den großen Meisterplan nicht gibt, der die Lösung bringt. Aber nur, wenn wir die Veränderungen verstehen, die auf den Planeten zukommen, werden wir vielleicht in der Lage sein, uns auf sie vorzubereiten.