Von Robert Leicht

Königswinter

Das gewohnt Angenehme an den deutschbritischen Königswinter-Konferenzen war bisher: Es gibt keinen ernsten Konflikt im Verhältnis zueinander – aber immer Interessantes zu diskutieren. In diesem Jahr sah die Sache etwas anders aus. Nicht nur, daß es den Deutschen schwerfällt, die Londoner Irrungen und Wirrungen bei der Ratifikation des Maastricht-Vertrages nachzuvollziehen. Nicht nur, daß die jüngsten Bonner Volten beim Thema Bundeswehreinsätze von den Briten als ebenso törichte Nachrichten aus "Absurdistan" aufgenommen wurden. (Wobei sich Gastgeber und Gäste bei den Diskussionen versicherten: Beide im Grunde für die Demokratie blamablen Dispute ließen sich schnell auflösen, sofern nur die Vernünftigen aus allen Lagern parteiübergreifende Mehrheiten bilden dürften.)

Nicht nur das Bündel aktueller Irritationen also sorgte für Gespräche, sondern auch die Erkenntnis, daß sich im deutsch-britischen Verhältnis Grundsätzliches verändert hat – durch die Wiedervereinigung. Insofern sind die Turbulenzen, die der jüngsten Pfundkrise folgten, nur ein besonders krasses Beispiel eines Klima-Umschwungs.

Wie kommt es, daß der Daily Express den EG-Kommissar Martin Bangemann absichtsvoll mit Martin Bormann verwechselt? Wie dazu, daß der Spectator meint, die Deutschen seien zwar dafür, ihre schöne D-Mark aufzugeben; aber die europäische Währungseinheit solle dann "Reichsmark" heißen? Was ist die Ursache dieses Herumhackens auf den Deutschen – wenngleich die Londoner Journalisten versichern, solche Kampagnen blieben ohne Wirkung auf die öffentliche Meinung? (Im übrigen, so der milde Konter, kümmere sich die deutsche Presse nur um die königlichen Familienkräche und den Niedergang Englands.)

Einer der britischen Teilnehmer führte diese aktuelle Neigung, die Deutschen für manche britische Malaise verantwortlich zu machen, auf einen sehr elementaren Befund angesichts der Wiedervereinigung zurück: Germany got bigger, Britain his not – Deutschland ist größer geworden, Großbritannien nicht. Diese schlichte Tatsache habe eine Zeitung mit einer Karikatur illustriert, die Premierminister John Major an einem Schreibtisch zeigt, auf dem ein übermächtiges Photo von Helmut Kohl steht, wohingegen in der entferntesten Ecke auf des Kanzlers Schreibtisch eben noch ein Paßbild des Kollegen in der Downing Street zu erkennen ist.

Aber befindet sich der deutsche Riese nach der Wiedervereinigung in einer langanhaltenden Formschwäche? Statt der blühenden Landschaften sah ein exzellenter Kenner Deutschlands im Osten gar eine Art Irland entstehen, eine Region ohne Arbeit und Industrie, aus der sich davonmacht, wer immer kann. Doch die Realisten in London neigen nicht zur Schadenfreude: Zu wichtig sei die Bundesrepublik, als daß man einem Rückschlag gerne zusähe. Das Risiko ist allen bewußt. Ein deutscher Kenner der Geschichte und der Diplomatie wies denn auch warnend darauf hin, daß sich seit der ersten deutschen Einigung im Jahre 1871 die deutsch-britischen Beziehungen immer wieder drastisch verschlechtert haben.