Von Katja Marx

Der graue Ordner auf dem Sekretär vermittelt eine gewisse Sicherheit. In Jeans und Gesundheitssandalen sitzt eine schmale Frau davor, die Hand fest auf dem Aktendeckel. Darunter weiß sie Kopien von 350 Briefen. Alle an den Landesbischof adressiert und jeder einzelne eine persönliche Abrechnung mit der Kirche. Noch nie habe ihr jemand so den Rücken gestärkt wie die Absender dieser Briefe, sagt Jutta Voss und lächelt.

Man sieht der Fünfzigjährigen mit den grauen Locken die Strapazen der vergangenen fünf Jahre nicht an. Auch den Presserummel nicht, der die evangelische Pfarrerin zum "Fall Voss" gemacht hat, oft verglichen mit dem "Fall Drewermann" in der katholischen Kirche. Diesen Vergleich verbittet sich Jutta Voss. Sie sei kein evangelischer oder weiblicher Drewermann – "ebensowenig wie Eva eine Rippe von Adam war". Drewermann stelle weder den Monotheismus noch das Wandlungsmysterium in Frage. Schon deshalb seien ihre und seine Themen völlig andere.

Ihr Arbeitszimmer wirkt wie die Frau selbst: aufgeräumt und ungemütlich. Auf der Fensterbank ein paar Topfpflanzen. Dahinter eine trostlose Hochhaussiedlung am Stadtrand von Stuttgart, links vom Fenster ein PC. In einer Vitrine Aktenordner mit schnörkelloser Handschrift auf den Etiketten: Finanzen, Korrespondenz, Lehrzuchtverfahren. Die Bibel, theologische Literatur, ein weißer Bucheinband mit blutroter Schrift: "Das Schwarzmond-Tabu".

Seitdem Jutta Voss 1988 dieses Buch mit dem Untertitel "Die kulturelle Bedeutung des weiblichen Zyklus" veröffentlicht hat, kämpft sie um ihre Existenz. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg versetzte sie zwangsweise in den "Wartestand". Das heißt, die Pfarrerin, die nach dem Vikariat zehn Jahre lang als Krankenhiausseelsorgerin krebskranke Frauen begleitete, darf ihren Beruf nicht mehr ausüben. Vorübergehend, wie es von Seiten der Kirche heißt. Wahrscheinlich aber für immer. Denn, erstmals seit vierzig Jahren, griff die Kirchenleitung zum sogenannten Lehrzuchtverfahren und klagte Jutta Voss der Irrlehre an.

Jutta Voss soll mit ihrem Buch "Schwarzmond-Tabu" und durch ihre Kritik der reformatorischen Glaubensdogmen "Christen verletzt" oder ‚,vom rechten Weg abgebracht" haben. Außerdem habe sie "das biblisch reformatorisch verstandene Evangelium von Jesus Christus in entscheidenden Grundzügen preisgegeben und menschlichen Ansprüchen und Gedanken unterstellt". Das zumindest wirft die Amtskirche der Angeklagten nach Paragraph 11 der Lehrzuchtordnung vor.

Nach zweijährigen Ermittlungen und einem "brüderlichen Gespräch zur Bereinigung von Anstößen" mit Schwester Jutta wurde das Verfahren im Oktober vergangenen Jahres eröffnet. Ein Vierteljahr später, am Tag der nichtöffentlichen mündlichen Verhandlung, wurde es dann erst einmal ausgesetzt. Wegen Verfahrensfehlern. Ein erster Sieg für die anstößige Angeklagte und ihren Anwalt. Der Oberkirchenrat ermittelt nun neu. Das Spruchkollegium wird entscheiden, wie das Lehrzuchtverfahren weitergeht. Als Höchststrafe droht der Pfarrerin jedenfalls die Aberkennung ihrer Ordination. Mit anderen Worten: ein unwiderrufbares Berufsverbot bei gleichzeitigem Verlust aller Versorgungsansprüche.