Von Dieter Hildebrandt

Wenn es so etwas wie die Miniatur einer Sensation gibt, dann ist dies eine: „Noctes“, die Faksimile-Ausgabe eines jener kleinen Notizhefte, in die Georg Christoph Lichtenberg seine „Milchstraßen von Einfällen“ hineinzukritzeln pflegte; ein Oktavbändchen, das zugleich wirkliche Trouvaille ist, von der Forschung erst vor wenigen Jahren aufgestöbert, aus dem Familienbesitz lockergemacht und zum 250. Geburtstag des Darmstädter/Göttinger Weltgeistes zum erstenmal publiziert. Also ein wirkliches Stück unbekannten Lichtenbergs; zugleich ein Beispiel liebevoller Reproduktionskunst und ein Musterfall kritischer Edition. Ein Büchlein von schönster Unscheinbarkeit, ein Blick ins Nachtkästchen eines Genies. Und zugleich ein sehr ernüchterndes Dokument des unendlichen Kleinkleins, aus dem sich Lichtenbergs Größe in den nahezu 200 Jahren seines Nachruhms aufgetürmt hat. Die knapp fünfzig Seiten der „Noctes“ belegen: So provisorisch, so hingehuscht, so unleserlich und zitterig sah im einzelnen aus, was sich zu einem Meisterstück deutscher Sprache und europäischen Denkens summieren sollte.

Sudelbücher – der Name hat sich in den letzten Jahrzehnten eingeprägt für die Notizhefte und gebundenen Kladden, in die Lichtenberg einschrieb, was immer ihm auffiel und einfiel, gefiel und mißfiel, die Lesefrüchte und Exzerpte, die Möglichkeitsspiele und Gedankenexperimente, die physikalischen Tüfteleien und die sehr irdischen Vergnügungen, die Fensterbeobachtungen und Treppengeräusche, die Wollust und den Nonsens, Kalauer und Kant-Exegese, Blitz-Gescheitheiten (im Gefolge Franklins) und Traumgesichte, die Krankheiten und die Ängste.

Aber schon zehn Jahre früher hat Lichtenberg solche Notizbücher geführt – zumindest stammt das erste der erhaltenen Hefte aus dem Jahre 1765; und 34 Jahre lang behält er die Praxis des tagtäglichen Notierens bei; erst in selbstgefertigten und gefalzten Heften, später in regelrechten Schreibbüchern, die er sich, in Halbleder und verschiedenen Formaten, vom Buchbinder besorgt. Bald beginnt er, die wissenschaftlichen Notate von seinen Einfällen zu trennen: Diese fangen vorn an im Heft und werden arabisch paginiert; die anderen mit römischen Seitenzahlen vom Ende des Heftes an zur Mitte hin. Mehr als 8000 Eintragungen umfaßt die bisher vollständigste Ausgabe dieser Tage(und Nacht-)bücher. Und doch sind alle diese Eintragungen viel mehr als Tagesreste, Nachtgedanken: Sie sind ein kunstvoll und penibel inszeniertes Doppelleben, Doppelspiel. Lichtenberg hat sich förmlich eingesponnen in den Kokon seiner Gedankenwelt. Er brauchte die Doppelung, um mit sich selbst einig zu werden. Immer wieder findet sich in seinen Eintragungen dieses Stichwort: „Doppelter Prinz. Ein Gelehrter steht auf und beweiset was es für ein Vorteil wäre, wenn die Menschen doppelt wären.“

Aber die Lichtenbergschen Geheimschriften wurden nicht erst von der Nachwelt ans Licht gebracht (wiewohl zum erstenmal gedruckt). Die ganz große Sensation (wie immer noch behauptet wird) war die Publikation der Sudelbücher nach Lichtenbergs Tod denn doch nicht. Die Hermetik war längst durchbrochen. Die Zeitgenossen ahnten, wer und wie dieser Lichtenberg eigentlich war. Und für die Stadtbewohner brauchte man keine zweite Existenz zu erfinden: Ihnen war die erste und sichtbare schon Skandal genug.

Mit „Noctes“ nun betreibt Lichtenberg etwas höchst Skurriles: Er hintergeht den Ausschreiber gleichen Namens. Er gräbt, als Maulwurf, noch einen Bodensatz tiefer. Er legt sich ein noch exklusiveres Reservoir an, eine Notturno-Welt, einen „thesaurus somniorum“, den er über Jahre hinweg, und nur gelegentlich, auffüllt. Eine plausible Verfahrensweise für einen Menschen, der an sich selbst bemerkt hat: „Ich habe oft die (eine) Meinung wenn ich liege und eine andere wenn ich stehe.“ Eine Verfahrensweise, die aber zum Handicap selbst für einen Lichtenberg-Intimus wie Ulrich Joost, den Herausgeber, wird: „In der Tat enthält das Büchlein zahlreiche kaum noch zu entziffernde Notizen mit Bleistift, die auf eine Verwendung im Bett sicher schließen lassen... Das Bleistiftgeschriebene wurde einigemale durch nachträgliche Tintenüberschreibungen sozusagen ratifiziert, jedenfalls konserviert, eine Arbeitsweise, die im eigentlichen Sudelbuch nur höchst selten begegnet.“

Was aber zu entziffern ist, zeugt von den tausend Gedanken, die wir haben, ehe wir einen fassen. Zeugt vom Kosmos eines Alltags, bevor wir ihn im Schlaf auf der Reise ins Morgen zu verlassen suchen. Zeugt aber auch von der Verzettelung eines Bewußtseins, das auf der Höhe seiner Zeit und seiner Wissenschaft zu sein versucht: „Sejour hat gemuthmasset, daß das gefärbte Licht die Reaction afficiren könte Bailly moderne III p. 336...“ Aber dann auch ein Wurf wie dieser: „Wenn die Menschen nicht nach den Uhren gehen, so fangen endlich die Uhren an, nach den Menschen zu gehen.“ (Längst auch als „Aphorismus“ bekannt.) Oder ein Wortblitz: „Uninspirierte Liederlichkeit“. Oder ein galanter Trieb wie dieser: „Es erleichtert die Correspondenz, wenn man weiß, daß der Correspondent eine schöne Frau hat.“

Jetzt, da das 250. Jubiläumsjahr zu Ende geht, da die große Korrespondenzausgabe (bei Beck) sich komplettiert, jetzt, da die Hanser-Edition der Werke auch den Sudelbuch-Kommentar von Wolfgang Promies (eine zwanzigjährige Sisyphus-Arbeit) umfaßt, da bereits von einer historischkritischen Lichtenberg-Ausgabe die Rede ist, scheint die Besorgnis sich zu bewahrheiten, daß die Philologie durch schiere Fülle der Gestalt des kleinen Buckligen eine Last aufbürdet, die sie nicht auf Dauer wird tragen können und die seine Freak-Gemeinde schon gar nicht „verkraftet“. Da sind die „Noctes“ ein gutes Korrektiv; Notizen aus einem anderen Bleistiftgebiet; Kritzeleien zwischen Sterbensmüdigkeit und Unsterblichkeit. Eine winzige Sensation.

  • Georg Christoph Lichtenberg:

Noctes

Faksimile; mit einem Nachwort und Erläuterungen, herausgegeben von Ulrich Joost, Wallstein Verlag Göttingen, 128 S., 38,– DM