Feingeister werden die Fabel etwas üppig finden. Sie kombiniert Kitsch, Intellekt und tiefere Bedeutung. Sie spielt in den feinsten Kreisen, an den schönsten Orten und, versteht sich, in den aufregendsten Zeiten. Natürlich ist es eine Liebesgeschichte. Und natürlich nicht irgendeine. Sie handelt, die Superlative sind unumgänglich, von der Frau, die als die schönste ihrer Epoche galt, die den distinguiertesten Kunstsammler ihrer Zeit heiratete und zu guter Letzt die Geliebte des berühmtesten Engländers ihrer Zeit wurde. Woher kommt eine solche Frau? Ich kann nichts dafür - aus der Gosse (sagt man noch so?) Wo endet sie? Man ahnt es.

Engländer wissen, daß es eine wahre Geschichte ist. Die Schöne heißt Lady Emma Hamilton. Sie lebte von 1765 bis 1815. Ihre Schönheit ziert noch heute die Londoner Kunstmuseen. Denn zu den vielen Männern, die ihre Schönheit umwarf - Goethe etwa nannte Lady Emma "Meisterstück des großen Künstlers" , gehörte auch der Maler George Romney, dessen Lieblingsmodell sie wurde. Ihr Gatte, der Kunstsammler (auch er protraitiert: von Joshua Reynolds), heißt William Hamilton und war britischer Gesandter in Neapel. Und auch ihren Geliebten treffen Londoner Kunstreisende unfehlbar: Es ist Admiral Nelson, der Retter Englands vor Napoleon. Während Lady Emmas Körper, wies scheint, nichts zu wünschen übrigließ, fehlten dem Admiral, als die beiden sich verliebten: ein Arm und ein Auge, verloren auf dem Feld der Ehre.

Londoner Luxusequipagen und britische Korvetten transportieren das Personal unserer Fabel. Vom insularen Nebel erholt es sich in der strahlenden neapolitanischen Sonne und in der Kühle adliger Paläste. Und alles läßt uns an Chateaubriands Wort denken, daß nicht wisse, was Glück sei, wer das Ancien regime nicht gekannt habe (am besten von oben. Fast alles zumindest, denn über dem Glück grollt, symbolisch zunächst und dann real, die Katastrophe: Der Vesuv schickt warnend seine Feuerwolken in den Himmel und seine Lavaströme gen Neapel (und weil Sir William alles sammelt, sammelt er auch den Vulkan, besteigt ihn unzählige Male und läßt ihn in Stichen dokumentieren, die noch den Roman zieren, auf den wir gleich zu reden kommen), und mitten in ebendiesem Roman explodiert die Französische Revolution und fegt das neapolitanische Königspaar, die Freunde unseres britischen Liebestrios, vorübergehend vom Thron.

Geringschätzen sollte man diesen Stoff nicht. Natürlich lockt er mit allen Wonnen gehobener Gewöhnlichkeit (und Hollywood hat ihnen in "einer Prachtschnulze mit Laurence Olivier und Vivian Leigh bereits 1941 nachgegeben). Aber er hat durchaus auch das Zeug für erlesenere Bearbeitung. In ihm schneiden sich die kulturellen und politischen Kraftlinien der revolutionären Umbruchsjahre um 1789. Er hat schon Goethe angelockt, der ihm in seiner "Italienischen Reise" ein kleines Denkmal gesetzt hat. Ein größeres, nämlich 550seitiges, das auch Goethe selber auftreten läßt, hat nun Susan Sontag in die Welt gesetzt: ihren Roman "Der Liebhaber des Vulkans". The Jedenfalls ein Stoff, der wie für sie geschaffen scheint. Sir William, der Titelheld, ist die perfekte Personifizierung aller Themen der Susan Sontag, der frühen wie der späten, der persönlichen wie der theoretischen. Er verkörpert die "Katastrophenphantasien", die sie in einem der Essays untersucht hat. Essays, die sie als Dreißigjährige zur Vedette der amerikanischen Intellektuellen gemacht haben: Sir Williams Besteigen des brennenden Vulkans ist eine katastrophensüchtige Suche des Todes und des Abgründigen. Und zugleich steht der Lord fürs Gegenteil, für die leidenschaftliche Flucht vor der Leidenschaft, für die Versuchung, von der zahllose Essays der Sontag handeln, der Versuchung des Ästheten, die dunkle Unordnung der Welt in einer hellen Ordnung reiner Kunst aufzuheben. Noch stärker als Sir Williams Leidenschaft fürs Abgründige des Vulkans ist nämlich seine Leidenschaft für die ästhetische Ordnung seiner Kunstsammlung. Ihr fügt er durch Stiche, Proben und Protokolle den Vulkan ebenso ein wie die Schönheit seiner Frau, deren Erotik er sich durch Ästhetisierung vom Leib hält. Er hat sie dazu abgerichtet, als lebendes Bild die großen Frauenfiguren der Mythologie zu verkörpern. Und sie brachte es darin zu solcher Meisterschaft, daß halb Europa, soweit oberschichtig, ihretwegen nach Neapel fuhr.

Vor allem aber steht Sir William und stehen Neapel und sein Vulkan (samt den schon verschütteten Städten Pompeji und Herculaneum) für das Thema, das Susan Sontag, als sie sich 1989 ans Schreiben des "Liebhabers des Vulkans" machte, am meisten beschäftigte: den Tanz auf dem Vulkan oder, unmetaphorisch, ihre und unsere Lust an der Apokalypse. Ihr gelten, etwas unglücklich versteckt, die besten Seiten von Sontags 1990 erschienenem Essay "Aids und seine Metaphern". Sie enthalten die eindrückliche Diagnose einer Kultur, es ist die unsere, die sich der ästhetischen Lust am Weltuntergang verschrieben hat (und sie sind zugleich der philosophische Kern ihres späteren Romans).

Wir hatten "die Apokalypse zum Bestandteil unseres normalen Erwartungshorizontes gemacht", schreibt sie, freilich nicht auf politische, sondern auf ästhetische Weise "Alles haben wir in ein betäubendes apokalyptisches Theater verwandelt", sagte sie mir in einem Gespräch im Januar 1990 "Wir haben uns darauf verlegt, die Gegenwart samt Öko Kollaps und globaler Verschuldung ästhetisierend zu entwirklichen und sie nur noch als apokalyptischen Fortsetzungsfilm schaudernd zu genießen. Nicht Apocalypse Now, sondern Apocalypse From Now On "

Wir tun, was auf seine Weise und in seiner kulturellen Endzeit auch der zynische Ästhet und Vulkansammler Sir William tut. Er ist eine Metapher für unsere Lage. Aber mehr noch: auch eine für Susan Sontag existentielle Grundstimmung. "Diese Zeitlupenkatastrophe ist das Thema meines Temperaments", erklärte sie mir "Das ist, worums mir geht, und eigentlich war das als Stimmung schon immer vorhanden. Schon als Kind und später in den Asthmasanatorien der Wüste Südarizonas dachte ich, daß alles gleich zu Ende sein wird und daß es doch ewig weitergeht " Damals scheint sie eine Art Wunderkind gewesen zu sein - darf man ihrer autobiographischen Erzählung "Wallfahrt" glauben, in der sie kalifornisch kokett von den Unterhaltungen berichtet, die sie als Vierzehnjährige mit dem zweiundsiebzigjährigen Thomas Mann geführt hat. Nach der Lektüre des "Zauberbergs" hatte sie ihn in Pacific Palisades besucht und, sieh da, schon damals ging es um ihr Thema: "Das Dämonische der Abgrund Doch nun, als sie gegen sechzig ging und sich an den "Volcanolover" setzte, wollte Susan Sontag eine andere, das Wunderkind auch noch "Spätzünder" werden Über ihre Essays sprach sie nach fast zehnjähriger Schreibpause distanziert. "Unauthentische Auftragsarbeiten. Vergessen Sie nicht, daß ich Lehrerin war. Ich predigte den Amerikanern die französische Moderne. Diese kulturrevolutionären Hoffnungen meines Frühwerks habe ich verloren. Dafür habe ich Wärme und Herzlichkeit gewonnen. Nun gehts mir um die Tiefen meines Temperaments, und die kann ich in der Dichtung besser ausdrücken als im Essay. Eigentlich bin ich gar keine Essayistin. Und ich bin sehr langsam, eher wie Janacek. Das Beste meines Werkes liegt noch vor mir. Es wird etwas werden, was niemand von Sontag erwartet " In der Tat, der "Vulcanolover" hätte für Susan Sontag eine wunderbare Gelegenheit sein können, an ihren Themen zu bleiben und doch eine andere zu werden. Aber der Spätzünder zündet nicht; mit Janacek ist etwas schiefgegangen. Eine andere ist Susan Sontag wohl geworden, aber nicht zu ihrem Vorteil. Denn das Alte ist weg, aber das Neue nicht da. Sie hat das Wissen der Essayistin zu sehr zurückgenommen, um noch als scharfsinnig durchgehen zu können (und doch das Buch mit Kleinessays über Gott und die Welt vollgestopft, den flachsten, die man von ihr je gelesen hat), aber sie hat ihr Wissen zugleich zu wenig zurückgenommen, um das Neuland erzählerischer Naivität zu gewinnen.